Nordhausen / Schmid: Die arabische Revolution
19.08.2011
Revolution? Revolutionen!
Seit Ende 2010 werden viele arabische Staaten von Unruhen erschüttert. Etablierte Regimes wie in Tunesien und Ägypten brachen überraschend schnell zusammen und machten Übergangsregierungen Platz. Aber nicht nur hier fehlen Informationen, die eine Vorstellung vom künftigen Weg dieser Länder erlauben. Was sind die Grundprobleme der arabischen Welt heute? Wo liegen die Auslöser der jetzigen Revolten? Wer sind die Akteure, was ihre Ziele? Der von Thomas Schmid und Frank Nordhausen herausgegebene Sammelband Die arabische Revolution. Demokratischer Aufbruch von Tunesien bis zum Golf, verspricht, auf alle diese Fragen eine Antwort zu geben. Von PETER BLASTENBREI
Eine erste Antwort findet sich schnell, nämlich die, dass wir es nicht mit »der« arabischen Revolution zu tun haben – zu verschieden sind Abläufe, Rahmenbedingungen und politische Traditionen. In Tunesien (Schmid) und Ägypten (Nordhausen) hat vorerst ein Personal-, teilweise auch Regimewechsel stattgefunden, es ist aber keineswegs klar, wohin sich die heterogenen Oppositionsbewegungen entwickeln. In Syrien (Martina Doering) und Libyen (Schmid) wird noch immer heftig und mit ungewissem Ausgang gekämpft, während sich die Lage im Jemen (Jens Heibach) nach nicht minder erbitterten Kämpfen mit der Ausreise Präsident Salehs ein wenig entspannt hat. Unruhen gab es auch in Jordanien (Heiko Flottau), Marokko (Marc Dugge) und Algerien (Helmut Dietrich) – der Band endet im Westen nicht mit Tunesien. Dabei scheint es sich aber eher um eine Vielzahl von vordringlich sozial und nur beschränkt politisch motivierten Unruhen zu handeln, die jedenfalls die Systemfrage nicht gestellt haben – in Marokko trugen die Demonstranten sogar Königsbilder mit sich. In allen drei Ländern hat sich die Lage nach kleineren Zugeständnissen offenbar wieder beruhigt.
Anders in Bahrain, der großen Ausnahme unter den weitgehend ruhigen Golfstaaten (Alexander Smoltczyk), wo die Revolte mit Hilfe saudischer Truppen gewaltsam unterdrückt wurde. Ruhender Pol der Region bleibt weiterhin das reiche Saudi-Arabien (Henner Fürtig) mit seiner komplexen Machtstruktur, wo allerdings seit Jahren, hierzulande fast unbemerkt, ein nationaler Dialog über vorsichtige, islam- und monarchiekompatible Reformen im Gang ist. Der Libanon schließlich (Markus Bickel) bildet das nostalgische Schlusslicht, denn hier hat sich die von westlichen Journalisten so getaufte »Zedernrevolution« von 2005 längst wieder in die undurchsichtigen Machtspiele der Konfessionsgruppen aufgelöst.
Herausgeber Thomas Schmid
Verfallszeit oder Perspektive?
Über die Oppositionsbewegungen selbst wird nicht in allen Beiträgen Substanzielles gesagt – am bedauerlichsten ist das natürlich bei Libyen. Dort, wo die Revolten siegreich waren, handelt es sich um eine breite Front aller möglichen oppositionellen Gruppen von Islamisten bis Kommunisten, von Frauen bis zu Gewerkschaftern und sonst ganz unpolitischen Menschen. Geeint hat sie das Ziel, das verhasste Regime loszuwerden, nachdem alle demokratischen Wege verschlossen waren. Das war ihre Stärke, aber das macht es auch schwer, irgendwelche Voraussagen zu treffen. Und das kann ihre Schwäche werden.
Herausgeber Thomas Schmid sagte in einem Radio-Interview, er hoffe, dass sich die Autoren in drei Monaten nicht völlig revidieren müssten. Doch das ist nicht das Problem dieses Sammelbandes. So darf man sich wundern, dass unter den Autoren kein arabischer Name zu finden ist, und auch dass nur drei Mitarbeiter ein Islamistik- oder Arabistikstudium aufweisen können (Doering, Fürtig, Heibach); die anderen sind Journalisten mit den unterschiedlichsten Hintergründen.
Seltsam ungleichgewichtig
Ein erhebliches Qualitätsgefälle der Einzelartikel ist die Folge. Die Beiträge zu Jemen, Saudi-Arabien und Syrien (mit einer offensichtlich erfundenen Anekdote am Schluss!) sind gut fundierte, kenntnisreiche und sachliche Analysen von Machtstrukturen, politischen und soziokulturellen Problemen, den oppositionellen Kräften und ihren Vorstellungen; mit einigem Abstand folgen die Artikel zu Tunesien und Ägypten. Wegen dieser Beiträge ist das Buch lesenswert. Alle anderen bieten leider allenfalls den chronologischen Ablauf der Ereignisse. Versuche zu Strukturanalysen kommen über das spekulative Herumkratzen an Oberflächenphänomenen nicht hinaus, wie man es aus der Tagespresse kennt. Verweise auf Stammes- und Religionskonflikte sind auch hier Symptome analytischer Hilflosigkeit. Wirtschaft wird überhaupt nur marginal thematisiert, die neoliberale Öffnungspolitik mancher Länder wird kaum je als Problem wahrgenommen.
Noch weniger kommen die Identitätskrisen vor, die ein bleischweres koloniales Erbe (Algerien) oder eine allzu unvermittelte Konfrontation mit den Auswüchsen des westlichen way of life verursacht haben können. Formel 1-Rennen in der Wüste oder die einzigen Whisky-Läden am Golf (im Fall Bahrains) sichern gewiss freundliche Beachtung in der organisierten westlichen Öffentlichkeit – aber was heißt das für die Bürger des Landes?
Irreführend und unhistorisch ist die Tendenz mancher Artikel, die Vorgänge in der arabischen Welt mit der Endphase der DDR 1989/90 zu parallelisieren, auch wenn man die grundsätzliche Parteinahme des Buches für die arabischen Oppositionen sympathisch finden mag. Vollends unmöglich aber ist, ein Zitat aus dem »Grünen Buch« Gaddafis so zu verdrehen, dass dieser als Rassist erscheint (S. 95). Tatsächlich hatte er die fehlende Familienplanung bei den Schwarzafrikanern konkret auf ihre miserable wirtschaftliche und soziale Lage zurückgeführt, nicht auf rassische Merkmale.

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