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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 11:45

Richard Münch: Akademischer Kapitalismus

23.09.2011

Sachzwang und Marktdiktat

Richard Münch skizziert in Akademischer Kapitalismus. Über die politische Ökonomie der Hochschuldreform die Folgen von Exzellenzparadigma und Numerokratie in der Wissenschaft. Von JOSEF BORDAT

 

Es sind italienische Städte, die den deutschen Diskurs um Schule und Universität antreiben: Pisa und Bologna. Während PISA ein Evaluationsinstrument für allgemeinbildende Schulen ist, bedeutet Bologna für die Forschung und Lehre an den Hochschulen die Umwandlung der Universität zum Unternehmen, in dem nicht mehr wissenschaftliche Weite, sondern enge Wirtschaftlichkeitsprinzipien die Agenda bestimmen. Der führende deutsche Bildungs- und Wissenschaftssoziologe Richard Münch (Bamberg) analysiert seit Jahren diesen Wandel von der Zweckfreiheit zum Sachzwang und zeigt, wie die kurzfristigen Nutzenerwartungen des »akademischen Kapitalismus« das Innovationspotential der Forschung unterwandern.

 

Bildung Bolognese: Auf Dauer ungenießbar

In seinem Buch mit eben diesem Titel (Akademischer Kapitalismus) zeigt Münch, wie durch die ökonomisierte Bildungsorganisation eine ärmere Wissenskultur entsteht: Alle forschen im Trend, keiner wagt es, gegen den aktuellen Strom der gesellschaftlichen Debatten und politischen Tagesthemen zu schwimmen (also genau das zu tun, was Wissenschaft von jeher auszeichnet: non-konform zu sein), weil ein solches Verhalten akademischen Querulantentums »nach Bologna« nicht mehr alimentiert wird. Der Zug aus Bologna fährt auf den Gleisen von Wertschöpfung und wirtschaftlichem Nutzen. Damit konstituiert sich der Wissenschaftsbetrieb »nach Bologna« als ein System, das die Entwicklung seiner Agenten nicht befördert, sondern hemmt, weil es das Potential von Lehrenden und Lernenden nicht zu entfalten hilft, sondern zerstört. Für den Schlüsselfaktor Kreativität hat das schon Wolf Wagner nachgewiesen.

 

Münch wiederum weist nach, dass ein anderes Kernkonzept des Bologna-Prozesses, nämlich Exzellenz, als soziales Konstrukt aufzufassen ist, das sich durch das »Elite-Spiel Wissenschaft« selbst verfestigt – auf Kosten von Vielfalt und Innovationsfähigkeit. Dem »Spieler« bleibt hier nur die (meist zynische) Anpassung an das Unumgängliche: die Unterwerfung unter den »Schiedsrichter«. Der aber ist das »soziale System Wissenschaft« selbst, genauer: ein Gewirr aus Gutachten, Wettbewerben und Rankings, dem man als »Spieler« bedingungslos ausgeliefert ist. Anerkennung und Reputation wird nur innerhalb des Systems generiert, zugleich wird dieses als der entscheidende Referenzrahmen anerkannt. So entsteht ein Kosmos, der geschlossen und selbstreferentiell ist; man könnte auch sagen: mafiös. Bologna erinnert an Kafka.

 

Forschung im Paradigma des Neoliberalismus

Hinter dem »Transformationsprozess von Forschung und Lehre zu strategischen Ressourcen«, im Zuge dessen »Wissen als Rendite abwerfendes Privatgut« unter die Macht des Marktes gestellt wird, hinter dem Wandel der »Universitäten zu strategisch operierenden Unternehmen« und der »Ablösung der akademischen Qualitätssicherung durch manageriales Controlling« steht ein globaler Megatrend, der nach Politik und Wirtschaft nun die Wissenschaft erreicht hat: Neoliberalismus. Der Bologna-Prozess ist eingebettet in ein quasireligiöses neoliberales Effizienzgarantiekonzept namens New Public Management (NPM), ein »Modell der rationalen, zielgerichteten Steuerung öffentlicher Einrichtungen« durch die »unsichtbare Hand« des Marktes, gegen das man heutzutage nicht mehr anregieren kann, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, unwissenschaftlich zu sein. Um wie viel mehr gilt NPM dann für die Wissenschaft selbst. Die zunehmende Inter- und Transnationalisierung der Wissensproduktion verstärkt den Impuls zur Unterwerfung unter das einzig verbliebene global anerkannte Sinnstiftungsmoment: den Markt.

 

Zurück in die Zukunft?

Die Universität ist unter den Bedingungen der Globalisierung nicht mehr das, was sie war. Soviel steht fest. Sie soll – folgt man den Thesen Richard Münchs – auch nicht werden, was sie nicht mehr sein kann. Humboldts Ideal ist längst der Realität gewichen. Es gibt kein »Zurück« mehr. Und Münch befeuert dementsprechend auch keine Retro-Romantik von Bummelstudium und kostenloser Bildung. Er ist akribisch und kritisch im Umgang mit den Gegebenheiten, konstruiert aber keine wissenschaftspolitischen Luftschlösser. Auch dieser Realismus ist eine Stärke seiner – Pardon! – exzellenten Arbeit, die mit messerscharfen, glasklaren Analysen aufwartet und in ihrer »theoretischen« und dabei »idealtypisch verfahrenden« Methodik die Folgeprobleme so zuspitzt, dass deutlich wird, welche Gefahren das »Glaubenssystem Bologna« birgt. Dennoch ist die Arbeit eine wissenschaftliche, die auf validen und reliablen empirischen Referenzen basiert, davon zeugt ein umfangreicher Anhang mit statistisch aufbereitetem Datenmaterial.

 

Auffällig an dem Buch sind nur einige philologische Sonderbarkeiten: Der Untertitel ändert sich vom Buchdeckel (»Über die politische Ökonomie …«) zum Innenteil (»Zur Politischen Ökonomie …«); auf dem Buchrücken ist der Auszug einer Rezension zu einem anderen Suhrkamp-Buch Münchs zitiert (Globale Eliten, lokale Autoritäten, 2009), das trotz der ähnlichen Thematik weder formal noch inhaltlich einen direkten Bezug zur vorliegenden Arbeit hat, zumindest wird es nicht zitiert. Eher üblich ist dagegen der Umstand, dass weite Teile des Textes bereits an anderer Stelle veröffentlicht sind – wenigstens wird in dieser Hinsicht mit offenen Karten gespielt: In einem Veröffentlichungsnachweis sind die Aufsätze verzeichnet, die den einzelnen Kapiteln zugrunde liegen. Sehen wir es positiv: Das Buch ist eine praktische Zusammenschau disparater Gedanken, die der potentiellen Leserschaft, also den lehrenden und lernenden Soziologen, Zeit für umfangreiche Recherchearbeiten einspart. Und das passt doch gut zum Thema.

 

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