Michael Thumann: Der Islam-Irrtum
16.09.2011
Muslime, Islamisten und die Irrtümer des Westens
Glaubt man bestimmten Publizisten, herrscht die reine Hölle, wo Muslime den Ton angeben: Repression, Verfolgung Andersgläubiger, Frauenunterdrückung, Homosexuellenhatz, Reformstau, Demokratieunfähigkeit – ganz abgesehen vom exportierten Terror gegen unsere westliche Zivilisation. Michael Thumann, Türkei-Korrespondent der Zeit, hat genauer hingesehen und findet in solchen Visionen keine exakte Beschreibung der Lage, sondern einen gigantischen Islam-Irrtum des Westens. Von PETER BLASTENBREI
Um dieser Vermutung auf den Grund zu gehen, interviewte Thumann Islamisten in der Türkei, in Ägypten, Marokko und Saudi-Arabien. Diese Gespräche sind die große Stärke des Buches, denn hier wird nicht wie üblich über Muslime und Islamisten gesprochen, sondern mit authentischen Vertretern des politischen Islam. Thumann nimmt sie ernst als Gesprächspartner und befragt sie interessiert und respektvoll, wie man auch in Europa mit Politikern umgeht. Er zeigt keinerlei Berührungsängste, dafür aber Manieren – sonst nicht gerade eine Tugend deutscher Nahostkorrespondenten.
Das Ergebnis lässt sich sehen
Die zwanzig Seiten (S. 64-85) über die Türkei gehören zum Lesenswertesten, was es gegenwärtig auf Deutsch zum Thema gibt. Thumann räumt gründlich auf mit dem gehätschelten Mythos des säkularen, demokratischen Kemalismus. Erdogan und seine AKP holen heute nach, was die »Halbdemokratie« Türkei lange nur rhetorisch inszeniert hatte, die Einbeziehung des türkischen Volkes in den politischen Prozess. Der Autor warnt daher eindringlich davor, das Islamisierungsgeschrei der halb entmachteten alten Eliten allzu ernst zu nehmen, und mahnt einen fairen Umgang mit dem Land in der Frage des EU-Beitritts an.
Den zweiten Schwerpunkt bilden die Interviews, die Thumann vor und nach Mubaraks Sturz mit ägyptischen Islamisten, besonders Muslimbrüdern und -schwestern führte. Seit langem haben sie Extremismus und politischer Gewalt abgeschworen, aber erst ihre Tätigkeit im Parlament zeigt, dass auch bei ihnen eine bunte Vielfalt von Vorstellungen herrscht, wie ein künftiger islamisch-demokratischer Staat aussehen sollte.
Konservative Demokraten
Thumann kommt angesichts dieser Beispiele zu dem vielleicht überraschenden Schluss, dass die gemäßigt islamischen Parteien und Gruppen im Nahen Osten eher europäischen konservativen Demokraten konfessioneller Orientierung gleichen als den kleinen radikalen gewaltbereiten islamistischen Minderheiten, von denen sie strikt zu unterscheiden sind. Dabei denkt er als Modell ausdrücklich an die deutsche CDU! Nicht umsonst wohl heißt eine neu gegründete gemäßigt-islamische Partei in Ägypten schlicht el-Wasat – die Mitte.
Doch auch in scheinbar monolithischen islamischen Staaten tut sich längst etwas. So in Saudi-Arabien mit der vollen Geschäftsfähigkeit der Frauen 2004 und der ersten Frau im königlichen Rat oder in Marokko mit dem fortschrittlichen Familiengesetz von 2004 und den neuerdings sieben Ministerinnen im Kabinett (mehr als bei uns, falls man Frau Merkel nicht doppelt zählt).
Der Rat, den Thumann auf den letzten Seiten des Buches für »den Westen« bereithält, ist bei diesem Befund nicht schwer zu erraten: Der Westen sollte die Verteufelung islamischer Gesellschaften und der Muslime hierzulande beenden, auf Signale zur Kooperation reagieren und die gebotenen wirtschaftlichen und politischen Möglichkeiten nutzen. Und der Westen sollte künftig auch keine repressiven Regimes mehr unterstützen, bloß weil sie vorgeblich einen Damm gegen »den Islam« bilden.
Gute Muslime, schlechte Muslime
Diese Ratschläge sind richtig und zukunftsweisend, ein paternalistischer und eurozentrischer Grundton ist dennoch nicht zu überhören. Es geht um »unsere« Interessen und »unseren« größten Nutzen (denen nach Thumann mit Islam-Feindschaft eben nicht gedient ist). Interessen und Nutzen sind wirtschaftlich definiert, die sogenannte Globalisierung bietet allen nur Chancen und selbst die Gigantomanie der Golfmonarchen hat etwas bewundernswertes.
Umso deutlicher hörbar wird dieser Grundton, je (geografisch) näher der Autor dem Kern des westlich-arabischen Missverständnisses kommt, dem Palästinakonflikt. Die Kapitel zur Hisbollah im Libanon und zur Hamas in Gaza (nach einem kursorischen Gespräch mit ihrem Vertreter in Beirut) sind nicht auf der Höhe der anderen Kapitel. Denn trotz seiner Offenheit für nahöstliche Fakten gelingt es Thumann nicht, seine Befangenheit in der israelischen Sicherheitsdoktrin (inklusive Feindbild Iran) abzustreifen. Unverständlich bleibt ihm daher die zwangsläufige militärisch-zivile Doppelrolle der Hisbollah, unverständlich auch ihre ausgedehnte Infrastruktur – eigentlich nichts Ungewöhnliches für eine Konfessionspartei im Libanon.
Für Thumann setzt die große Islamangst des Westens mit dem 11. September 2001 ein. Tatsächlich begann die »wissenschaftlich« begründete umfassende Abwertung der islamischen Kultur recht genau datierbar im 19. Jahrhundert (Stichwort Orientalismus). Sie war die Begleitmusik zur europäischen Ausbreitung in den Orient, verstärkte sich massiv seit der Gründung Israels und schwoll schließlich mit der neokolonialen Wende 2001 zu einem wüsten Crescendo an. Die Zählebigkeit des Phänomens stimmt also eher pessimistisch.
Einige Kapitel weiter hinten im Buch weisen keinen erkennbaren Zusammenhang mit Thumanns Hauptthema auf – außer vielleicht den, dass nahöstliche Länder noch andere Facetten haben als die Religion. Sollte der Autor hier ältere Artikel zweitverwertet haben? Die pompöse Ausstattung der Anderen Bibliothek des Eichborn-Verlags schließlich kontrastiert seltsam mit dem tagespolitischen Charakter des Textes und bedingt leider auch den leserunfreundlichen Preis.

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