Julian Nida-Rümelin: Verantwortung
09.09.2011
Auf die Gründe kommt es an
Der Philosoph Julian Nida-Rümelin analysiert einen Grundbegriff der Moralität: Verantwortung. Von JOSEF BORDAT
»Verantwortung« ist ein moralischer Allerweltsbegriff, der geradezu inflationär benutzt wird. Bei einer derartig ausgeweiteten Verwendungsweise besteht immer die Gefahr, dass sich der semantische Gehalt des Begriffs abnutzt. Das Profil des Konzepts zu schärfen, bedarf einer tieferen ethischen Analyse. Der Philosoph Julian Nida-Rümelin leistet diese durch die Beantwortung zweier Leitfragen: 1. Wofür kann man eigentlich Verantwortung übernehmen und ändert sich mit dem Gegenstand die Qualität der Verantwortungsübernahme? 2. Wie genau lässt sich auf unterschiedlichen Ebenen der Lebenspraxis Verantwortung übernehmen? Er schließt damit eine Reclam-Trilogie zur philosophischen Betrachtung menschlicher Orientierungsmodi ab, die mit den Themen »Vernunft« (Strukturelle Rationalität) und »Freiheit« (Über menschliche Freiheit) das Spielfeld der Anthropologie aufspannt, auf dem auch das Thema des gleichnamigen dritten Bandes, »Verantwortung«, eine moral- und handlungstheoretische Hauptrolle einnimmt.
Gegenstände der Verantwortung
Entlang der beiden Grundfragen ist das Buch in zwei Teile aufgeteilt. Im ersten Teil geht es darum, wofür der Mensch Verantwortung übernehmen kann. Zunächst zählen dazu seine Handlungen. Doch auch Überzeugungen und Einstellungen können Gegenstände unserer Verantwortung werden, weil wir auch für diese Gründe angeben können (sollten), die es argumentativ abzuwägen und zu rechtfertigen gilt. Nida-Rümelin: »In dem Maße, in dem unsere Einstellungen – rationaliter – von Gründen kontrolliert werden, sind wir für diese verantwortlich.« Ähnliches gilt für unsere Handlungen. Das bedeutet umgekehrt, dass wir immer dann, wenn wir »grundlos« etwas tun oder wollen, nicht verantwortlich dafür sind, soweit die Grundlosigkeit kein Resultat von Denkfaulheit oder Verdrängung ist, sondern wirklich die letzte Erklärungsinstanz für unsere Verhalten. Wenn man nicht »weiß, was man tut«, ist man auch nicht verantwortlich für das Tun. Die Verbindung der »Verantwortung« zu »Vernunft« und »Freiheit« wird überdeutlich: Ohne diese menschlichen Fähigkeiten ist jene nicht zu haben.
Sphären der Verantwortung
Verantwortung durchzieht unser Leben. In den unterschiedlichen Lebensbereichen bekommt der Begriff eine je eigene Konnotation. Ob von moralischer, rechtlicher oder politischer Verantwortung die Rede ist, macht einen Unterschied aus, ebenso die Frage, ob es sich um einen Fall individueller, kooperativer oder korporativer Verantwortung handelt. Zudem gibt es für bestimmte kulturelle Praktiken besondere, eng umrissene Verantwortlichkeiten (man denke an die Medizin, die Wissenschaft oder auch die Technik). Man kann rechtlich nicht zu belangen sein, aber dennoch moralische Verantwortung tragen. Als Chirurg trägt man eine andere Verantwortung als die OP-Schwester, als Arzt in der Forschung wiederum eine spezifische Verantwortung für das wissenschaftlich korrekte Zustandekommen der Studienergebnisse.
Und: Man kann als Einzelner in einem kooperativen Kollektiv nur »seinen Job« machen, der für sich genommen harmlos ist, zugleich jedoch (mit)verantwortlich sein für die negativen Folgen des Gesamtunternehmens, wenn man diese als solche erkennt und sich der eigene Anteil daran nachvollziehen lässt: »Der Begriff der kooperativen Verantwortung beurteilt nicht die individuelle Handlung im Hinblick auf ihre zu erwartenden Folgen, sondern die kollektive Praxis, die von der kooperationsbereiten Person intendiert ist.« Hier liegt auch die Sollbruchstelle von »instrumenteller Vernunft« (Frage: »Erfülle ich meine Funktion im System?«) und »geweiteter Vernunft« (Frage: »Welche Funktion erfüllt das System?«).
Objektivismus statt Konsequentialismus
Die Zuschreibung von konkreter Verantwortung in komplexen Systemen ist sicherlich eine der schwierigsten Aufgaben der Moral und des Rechts. Im Kontext mit aktuellen Herausforderungen (man denke an globale Verantwortungsfragen wie den Klimawandel), müssen wir die Menschheit als »Kooperationsgemeinschaft« begreifen und im Grunde jede individuelle Handlungspraxis im Rahmen dieser Kooperation auf unerwünschte Effekte im Hinblick auf das große Mitigationsziel prüfen. Hier zeigen sich rasch die Grenzen des Begriffs: die Unabschätzbarkeit der Folgen in der (fernen) Zukunft.
Mit dem Verweis auf objektivierbare Gründe als Gradmesser der Verantwortung löst sich Nida-Rümelin von einer expliziten »Folgenverantwortung« und umgeht damit das Abschätzungsproblem des Konsequentialismus’. Seine Position, die er selbst als »gemäßigten ethischen Objektivismus« bezeichnet, nicht ohne eilends zu bemerken, dass er dabei »ohne metaphysischen Werte-Realismus« auszukommen gedenkt, eignet sich insoweit als Vermittlung zwischen streng deontologischen Ethiken (Kant) und dem Utilitarismus in seinen diversen Ausprägungsformen. Das ist der besondere Wert des Ansatzes von Nida-Rümelin: die Aporien von Prinzip und Präferenz zu umgehen, und in der menschlichen Fähigkeit, sich von Gründen leiten zu lassen, selbst den Grund der sinnvollen Rede von »Verantwortung« zu erkennen.
Neue Perspektiven verständlich und unterhaltsam
Das schlanke Reclam-Bändchen Verantwortung von Julian Nida-Rümelin gibt einen kurzen, einführenden Überblick in die Thematik, ist verständlich und unterhaltsam geschrieben und eröffnet auch einer mit ethischen Fragen gut vertrauten Leserschaft neue Perspektiven. Es lässt sich als eigenständige Arbeit auch ohne Kenntnis der ersten beiden Bände aus der Trilogie lesen – wobei es nicht schaden sollte, diese gelegentlich hinzuzuziehen. An einigen Stellen erfolgen Querverweise auf diese Texte. Der wissenschaftliche Apparat ist sehr knapp gehalten, in den Fußnoten wird hauptsächlich auf eigene weiterführende Arbeiten hingewiesen, auf Verzeichnisse und Indizes wurde gleich ganz verzichtet. Nicht zuletzt aufgrund des bei Reclam-Büchern traditionell hervorragenden Preis-Leistungs-Verhältnisses kann eine Empfehlung verantwortet werden.

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