TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Der FUTTERblog - streng verdaulich! Kennzeichen T - 28.04.2012
Donnerstag, 24. Mai 2012 | 11:50

Sieber / Dobler: Rock´n´Roll Fever

28.10.2011

Ansteckungsgefahr

Maler Guido Sieber und Autor Franz Dobler werfen einen fachmännischen wie von persönlicher Begeisterung gleichermaßen geprägten Blick auf Klischees und große Momente der Geschichte der Rock- und Popkultur. Der bereits vor knapp einem Jahr anlässlich einer Ausstellung erschienene Band ist über Umwege verspätet in der Redaktion gelandet. Macht nichts, die Infektionsgefahr ist die gleiche gebliebenen: Wen das Rock´n´Roll Fever hier nicht packt, der ist immun – meint TOM ASAM.

 

Guido Sieber, Jahrgang 1963, steht in der Tradition der satirischen und grotesken Malerei eines George Grosz oder Otto Dix. Seine drastischen Gemälde und Zeichnungen sind geprägt von einem großen Gespür für die menschliche Seele und lassen nach Meinung so manchen Betrachters die Genauigkeit der Fotografie gar hinter sich. Er arbeitet anhand von Vorlagen das charakteristische einer Person in Perfektion heraus – mit Witz, aber auch gnadenloser Ehrlichkeit. Kongenialer Partner für das Projekt Rock´n´Roll ist der Autor Franz Dobler, Jahrgang 1959, der seine Liebe zur Musik in zahlreichen Büchern (u.a. eine Cash-Biographie), Zeitungsartikeln oder während langer Lesungen und DJ-Nächte in einschlägigen Clubs und Kaschemmen (vorwiegend in Bayern) unter Beweis stellte.

 

Legenden und tragische Helden

Große Vinyl-Junkies sind sie beide – und so waren die Herren bei der vorliegenden Thematik nicht mehr zu stoppen. Sieber stellte für über zwei Jahre alle anderen Anfragen hinten an und Dobler war in der textlichen Umgarnung des bildhaft Dargestellten nicht darauf aus, es bei ein paar Zeilen zu belassen. Der Verlag zog mit, und so können wir nun auf über 250 Seiten im großformatigen Hardcover-Format zahlreiche Anekdoten, Legenden, (tragische) Helden und unvermutete Querverbindungen aus dem Reich des Rock´n´Roll aufs Unterhaltsamste aufsaugen. Der Begriff Rock´n´Roll ist hierbei nicht zu eng definiert. Es geht nicht nur um Elvis und Co. Die Schilderung des Krankheitsverlaufs des Fiebers geht von ersten Anzeichen wie Jazz, Gospel oder Blues über die Hochphase des Rock´n´Roll und Sixties-Pop bis in die Gegenwart.

 

Natürlich werden viele potenzielle Käufer diverse Legendenbildungen und Geschichtchen um Leute wie Robert Johnson oder Hank Williams kennen, aber die fantastischen Darstellungen Siebers und die lebendigen Beschreibungen Doblers, sorgen dafür, dass man sich keine Sekunde langweilt und diverse Momente der Popgeschichte plastischer vor Augen hat denn je zuvor. Obwohl Dobler selbst ausgewiesener Kenner der Materie ist, versucht er, das Rad nicht unnötig neu zu erfinden und erweist auf sympathische Art auch Kollegen die Ehre. So nennt er beispielsweise Nick Tosches und sein Buch Unsung Heroes of Rock´n´Roll, und führt an, dass es im entsprechenden Abschnitt »kein Zitat und keine Information« gäbe, die nicht diesem zu verdanken sei.

 

Lennons Tod und Dylans Erweckung

Wir erleben noch mal im Schnelldurchlauf wie Las Vegas von der Sin City zum beliebten Spot für die Mittelstandsfamilie und wie Popmusik zum Massenartikel wurde. Wir erinnern uns zurück an selige Mailorder-Tage und überlegen, wo eigentlich die Link Wray 7'' abgeblieben ist, die wir Mitte der 80er bestellt haben. Und wir lernen sicher auch etwas dazu. Oder wussten Sie, dass in den 1950ern zwei Drittel der verkauften Platten in den USA an Jukebox-Betreiber verkauft wurden? Und das aus diesem Grunde penibel darauf geachtet wurde, dass die Songtitel nicht zu lang für die entsprechenden Schildchen an der Jukebox gerieten? Oder haben sie schon mal über den möglichen Zusammenhang zwischen dem gewaltsamen Tod John Lennons und dem kurz darauf erfolgten Wechsel Dylans ins christliche Born-Again-Fahrwasser nachgedacht? Chapman, der Mörder Lennons ärgerte sich unter anderem über dessen Äußerungen, nicht an Gott zu glauben und dass die Beatles bekannter wären als Jesus!

 

Jeder, der sich ein paar Bilder und einige Zeilen dieses großartigen Bandes zu Gemüte führt, wird dem Fieber erliegen – oder gegen Rock´n´Roll im speziellen, wie Popkultur im Allgemeinen immun sein. Was so schade wie seltsam wäre, denn welcher Lebensausschnitt der westlichen Zivilisation ist in den letzten Jahrzehnten nicht zutiefst davon durchdrungen? Lassen sie sich ein auf die Begeisterung, den Wahnsinn und den Exzess – aber auch auf die Tragik und die Komik – kurz: auf das Leben, auf den Rock´n´Roll.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

Sorry wegen dem Auge

Das ist ein TATORT, der gut gefallen kann. Mag sein, es kommt zum Ende hin ein bisschen dicke. Aber wie man’s nimmt. »Wir freuen uns, in der Reihe Tatort am Pfingstmontag mit ...

Maigrüße

Ich liebe den 1. Mai. Tag der Arbeit! Der Tag an dem wir den Vorkämpfern der Arbeiterbewegung gedenken. Der Tag, an dem wir demütig unsere Häupter neigen vor | weiterlesen

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Ecce Homo

»Siehe, der Mensch!« - so wird allgemein Ecce Homo übersetzt. Napoleon soll Ähnliches zu Goethe bei ...

Maler der Farben und Formen

Üppige Figuren und bunte Farben sind die Markenzeichen des kolumbianischen Malers Fernando Botero. Anlässlich seines 80. Geburtstags zeigt die Galerie Samuelis Baumgarte Bilder, ...