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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 11:50

Der Fall Chodorkowski (Deutschland 2011)

08.12.2011

Zar und Zimmermann

»Was filmen Sie denn da?«, fragt einer von drei zufällig dabeistehenden Jugendlichen während Cyril Tuschi die Kamera über eine orthodoxe Kirche in der verschneiten russischen Landschaft schwenken lässt. Sie drehten einen Film über Michail Chodorkowski, antwortet der Regisseur und Produzent, der mit seinem zweiten Langfilm Der Fall Chodorkowski sein aufrührerisches Dokumentardebüt gibt: »Wisst ihr, wer das ist?« Von LIDA BACH

 

Nichts sehen

»Njet«, entgegnet ein Mädchen knapp. Dass die junge Frau den Namen des Mannes, einst der reichste Russlands und einer der reichsten der Welt, persönlicher Bekannter George W. Bushs und Wladimir Putins, einstiger Besitzer des 2006 bankrott erklärten Ölriesen YUKOS, wegen Steuerhinterziehung und Betrugs angeklagten und zu mehrjähriger Lagerhaft in Sibirien verurteilter Konzerngründer und heute der international bekannteste Häftling Russlands, nie gehört hat, scheint ausgeschlossen. Doch manchmal ist es klüger nichts zu wissen so wie viele der Wirtschaftsgrößen und Politiker, denen Tuschi hartnäckig mit der Kamera hinterher trabt, nichts wissen wollen von dem Mann, der zum Symbol für Russlands Oligarchie wurde.

 

Nichts hören

Manchmal ist es gesünder zu schweigen, wie es der zweite Jugendliche tut. »Passen Sie auf! Sie wissen ja, was mit den anderen Journalisten passiert ist«, warnt ein der einstige Parteivorsitzende Grigori Jawlinski Tuschi, der sich systematisch einem Gespräch zum Fall Chodorkowski entzieht. Ein ehemaliger Werbeberater behauptet Yukos hätte so bekannt werden sollen wie das Volkslied Katschuja. Darin schickt ein Mädchen einen Liedergruß an einen fernen Krieger, ein wenig so, wie es Tuschis fragmentarisches und dennoch spannendes Reportage-Experiment tut. »Die Erringung der Weltherrschaft« nenne er das, ergänzt der Befragte. Ist »Mischa«, wie seine verzweifelte Mutter Chodorkowski nennt, eine wirtschaftsliberale Version von The Brain, deren größenwahnsinnige Pläne zur Profitmaximierung kläglich gescheitert sind? Oder ist er Pinkie, der die Spielregeln unter Mächtigen nicht begriff und zu naiv war, um die zahlreichen Drohungen ernst zu nehmen – mit fatalen Folgen für seine Person?

 

Nichts sagen

Sein Anwalt spricht nur aus, was ohnehin offensichtlich ist: »Es ist 100% klar, dass das ein politischer Fall ist.« Und das Chodrokowskis Isolationszelle »wirklich sehr isoliert« sei. Aber nicht schlecht für eine Isolationszelle. Der Fall Chodorkowski ist ambitionierte Reportage so undurchsichtig und ambivalent wie in der Realität. Tuschis riskante Chronik der Entstehung der post-sowjetischen Wirtschaftsoligarchie besticht durch die Optik und Brisanz eines Politkrimis äußerlich. Inhaltlich weniger aufgrund irritierender Sprünge und offener Fragen. Sein stärkstes Argument bleibt die spürbare Furcht derer, die Licht in das Dunkel um immer neue Anschuldigungen und Verschwörungstheorien bringen könnten.

 

»Wenn wir in einem anderen Land leben würden, würde ich offener mit euch reden«, sagt der einstige Zellennachbar Chodorkowskis, den Animationsszenen in gezielter Ironisierung des öffentlichen Klischees als im Gold schwimmenden Dagobert zeigen. Aber Überleben sei in Russland teuer, ein Leben billig: »Ich habe nur dieses eine Leben.«

 

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