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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 11:53

Zeichen der Zeit. Die Filme der Stuttgarter Schule

20.10.2011

Vor der Abwicklung

Die Jüngeren werden sich das kaum noch vorstellen können: Es gab eine Zeit, da das Fernsehen sich als kritisches Medium verstand und das Wort »Bildungsauftrag« noch nicht als Schimpfwort interpretierte. Damals gab es eine informelle Gruppe von Dokumentarfilmern, die man später wegen einer gemeinsamen Grundhaltung und dem hohen Niveau, das sie teilten, mit dem Etikett »Stuttgarter Schule« versah – wie fast zur gleichen Zeit die literarische Gruppe um Max Bense, Helmut Heißenbüttel und Reinhard Döhl. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Sie machten ihre Filme für den Süddeutschen Runfunk, den es ebenso wie die „Stuttgarter Schule“ längst nicht mehr gibt. Dafür sorgte der Verwaltungsmensch Hermann Fünfgeld.  Als Nachfolger des verdienstvollen Intendanten Hans Bausch, der, obgleich CDU-Mitglied, in einer heute utopisch anmutenden Weise Rückgrat gegenüber den Begehrlichkeiten der Politik bewies, übernahm Fünfgeld die Aufgabe, die ihm anvertraute Institution zu vernichten, wie nach ihm die Chefs von Post und Bahn. Der schönfärberische Begriff, mit dem dieser Coup inszeniert wurde, lautet »Fusion«. Für eine Fusion wird man bezahlt. Für die Veruntreuung, die sie in Wahrheit ist, müsste man ins Gefängnis kommen. Einige Redakteure zogen von Stuttgart nach Baden-Baden, andere ließen sich in den gut ausgestatteten Vorruhestand versetzen, und viele Mitarbeiter, darunter auch die Helden der »Stuttgarter Schule«, zerstreuten sich in alle vier Winde oder verschwanden in der Versenkung, so nicht der natürliche Weg des Todes das Geschäft der »Abwicklung« erledigt hat.

 

Ihre Heimat fand die »Stuttgarter Schule« in erster Linie in der Sendereihe Zeichen der Zeit, die von 1957 bis 1973 existierte und bis heute davon zeugt, was Fernsehen als eigenständige Kunstform sein könnte, wenn es sich nicht selbst aufgegeben hätte. 1996 stellte Kay Hoffmann eine Box mit fünf VHS-Kassetten zusammen, die 16 Beiträge zu dieser Sendereihe enthielten. Nun liegen sie als DVD-Paket vor, ergänzt um einen inhaltlich wie formal hochinteressanten zweistündigen Film über die Anfänge der ARD, genauer: über den Dokumentarfilm im Fernsehen und über Zeichen der Zeit. Er trägt die Handschrift des bedeutendsten Erben dieser Tradition, die Handschrift von Alexander Kluge. Er erweist den Vorgängern Reverenz, die nicht zu jenen zählten, die die Verfasser des Oberhausener Manifests meinten, als sie erklärten, dass Opas Kino tot sei. Leider muss der Käufer der DVD-Edition auf das umfangreiche Begleitbuch mit den Biographien der Regisseure verzichten, das der VHS-Box beilag. Es ist auf ein schmales Booklet geschrumpft.

 

Symptomatisches Verschwinden

Die Filme aber haben nichts von ihrem Reiz verloren. Da sind sie wieder beisammen,  Dieter Ertel, Wilhelm Bittorf, Peter Nestler, Peter Dreessen, Elmar Hügler (dessen Name vor allem mit der späteren Sendereihe Notizen vom Nachbarn verknüpft ist), Heinz Huber und allen voran Roman Brodmann, der, wenn er fürs Kino und nicht fürs Fernsehen gearbeitet hätte, in einem Atem mit den großen internationalen Dokumentarfilmern von Dziga Vertov und John Grierson über Joris Ivens und Jean Rouch bis Hartmut Bitomsky und Harun Farocki genannt würde. Sein Polizeistaatsbesuch von 1967 ist ein »Klassiker« und zugleich ein glänzender Beleg für die Tugenden, die die Beiträge zu Zeichen der Zeit verbindet: der Wille, die Wirklichkeit nicht nur genau und mit einer erkennbaren Haltung zu zeigen, sondern auch in sie einzugreifen, eine subtile Bildsprache, ein sprachlich anspruchsvoller Kommentar, der Ironie noch nicht mit dem platten Geschwätz verwechselt, welches das Fernsehen heute für Humor hält. Es wird nie genau nachzuweisen sein, was dieser Film zur Politisierung der Gesellschaft um 1968 beigetragen hat, aber dass er es getan hat, darf unterstellt werden.

 

Der Bonusfilm erzählt abschließend von Konflikten innerhalb des Teams, das Zeichen der Zeit über anderthalb Jahrzehnte am Leben erhielt. Es seien der Profilierungsdrang der Einzelnen und Differenzen zwischen ihnen und der Direktion gewesen, was zum Ende des Formats geführt hätte. Wilhelm Bittorf meint, die 68er hätten dieses Ende bewirkt: Ihnen waren die Filme nicht politisch genug. Man denkt an Franz Josef Degenhardts Diktum: »Zwischentöne sind nur Krampf im Klassenkampf.« Beides mag stimmen. Aber Konflikte der beschriebenen Art sind auch anderswo eher gruppendynamische Regel als Ausnahme. Und Zeichen der Zeit wurden nicht, im Sinne der 68er, durch mehr politischen Widerstand abgelöst, sondern, im Gegenteil, durch das Prinzip, das die 68er bekämpften: das Verkaufsprinzip des Kapitalismus.

 

Zeichen der Zeit sind Geschichte. Aber ihr Verschwinden ist kein Einzelfall. Es ist symptomatisch. Es passt in eine politische und mediale Landschaft, in der die politischen Magazine nur noch ein Schatten dessen sind, was sie in jenen Jahren waren, und in der sich die Verantwortlichen in den öffentlich-rechtlichen Anstalten daran machen, dem Beispiel Hermann Fünfgelds zu folgen und ihre Institute zugrunde zu richten – diesmal nicht zugunsten einer Fusion, sondern zugunsten der privaten Fernsehsender, für die Profit alles und Aufklärung nichts ist. Nur wer den Fernseher bereits dorthin geschmissen hat, wo er seinen Platz hat, auf den Müllhaufen, kann diese Prognose als Kulturpessimismus qualifizieren.

 

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