Strehler beweist mit dieser Inszenierung, dass Kostümtheater keineswegs museal oder altmodisch wirken muss. Wie der spätere Peter Stein, nimmt er Libretto und Musik ernst, versucht er nicht, sich auf deren Kosten zu profilieren. Strehler, der Meister der Commedia dell'arte, arbeitet am Figaro vor allem das Komödiantische heraus, ohne dass die politische Dimension darunter litte. Politisch ist diese Aufführung insofern, als die unteren Stände gegen die feudale Arroganz des Adels rebellieren – nicht indem sie ihn direkt bekämpfen (das war weder da Pontes, noch Mozarts Ding), sondern indem sie ihn der Lächerlichkeit preisgeben. Im Spott treffen sich die Komödie und die Aufklärung.
Zugleich aber vergisst Strehler in keinem Moment, dass Theater, auch Musiktheater, ein visuelles Medium ist. Seine Arrangements im Bühnenbild von Ezio Frigerio, das sich die Theatralität barocker Architektur zueigen macht und auch mit der Tiefe des Raums arbeitet, sind von pittoresker Schönheit. Dabei wird erkennbar, was eine sorgfältige Lichtregie zu leisten vermag.
Den Figaro spielt Ildebrando D'Arcangelo, der diese Rolle an einem großen Teil der bedeutendsten Opernhäuser der Welt gesungen hat. Die Sensation aber ist Diana Damrau in einer der attraktivsten Rollen der Opernliteratur. Sie kann als Susanna sängerisch wie schauspielerisch den Vergleich mit all den Stars aushalten, die die verschmitzte, gescheite Zofe verkörpert haben. Sie sieht aus wie Glenn Close in den Gefährlichen Liebschaften, aber aus Stein muss sein, wer ihrem verführerischen plebejischen Charme nicht verfällt.
Das Orchester des Teatro alla Scala unter dem Dirigat von Gérard Korsten, eigentlich spezialisiert auf Italianitá, zeigt, dass es auch Mozart mit der erforderlichen Leichtigkeit und Transparenz spielen kann. Dass ihm die innige Cavatine der Gräfin im zweiten Akt und das Duett von Gräfin und Susanna im dritten Akt besonders liegen, wird nicht verwundern.