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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 11:57

Brasch - Das Wünschen und das Fürchten - jetzt im Kino!

03.11.2011

»Schreiben heißt für mich öffentlich Angst zu überwinden.«

»Das erste was ich brauch, sind Bilder.« Handkameraaufnahmen, Archivmaterial, Filmausschnitte. Manche von seinem Freund Christoph Rüter, der einen Film daraus konzipierte, die meisten von ihm selbst. Beide lernten sich im Berlin der späten Achtziger bei einem Theaterprojekt kennen. Beide sind Regisseure. »Hier Christoph, frag wichtige Fragen!«, fordert der Gefilmte beim Gang über den Schiffbauerdamm, wo seine Wohnung liegt. Den Einzug, das Erkunden, selbst unter der Dusche darf die Kamera filmen, aber nicht das Warum des Schreibens. Von LIDA BACH

 

»Die Frage ist mir zu intim.«

Dies sagt der Dichter und Schriftsteller, der sagt: »Wenn Dichter und Schriftsteller anfangen, ihre Briefe und Tagebücher zu veröffentlichen, ist – um mit Flaubert zu sprechen – die Literatur wirklich am Ende.« und dennoch selbst eine Art filmischer Briefe und visuellen Tagebuchs schafft. Der sagt: »Ich habe nichts anderes als meine Arbeit. Alles andere interessiert mich nicht.« und dennoch Teil nimmt und Teil ist am künstlerischen, politischen und sozialen Diskurs. Der sagt: »Ich bin so arm in meinem Herzen geworden, dass ich nur noch die Bilder machen kann, von dem Leben, das ich nicht habe.« und dennoch von diesem Leben in präzise und einschneidende Worte fasst. Die Worte selbst noch mehr als das, was sie beschreiben, scheinen der Schlüssel zu Thomas Braschs Persönlichkeit für den Betrachter und für den Sprecher der Schlüssel aus ihr hinaus.

 

Ein Gefühl von Fremdheit umgibt den Protagonisten und unterwandert jede Szene der Reportage. Beeindruckende Dokumentationen über Kinski, Angela Winkler und Heiner Müller bekunden Rüters Expertise in der filmischen Porträtkunst. Mit erratischem Strich fügt er der Galerie von Zeitgeschichte und Zeitgeist eine Menschenskizze hinzu, intim und unmittelbar. Nichteinmal im eigenen Ich scheint er heimisch. Nie scheint der Charakter, der in filmischen Zentrum steht, angekommen. Kein Ort ist ein Heim. Nicht die Altbauwohnung, wo er den Innenhof unter freiem Himmel als »schönsten Raum« bezeichnet. Nicht das Hotelzimmer, das er in der Eröffnungsszene als Fremder durchstreift. Der Fremden schaut in den Spiegel und sein Blick trifft Thomas Brasch: »Der sich da im Spiegel sieht, das bist du gerade.«

 

»Fragen ... wenn sie an mir nagen wie hungrige Ratten.«

Risse und Brüche, Gegensätze und Widersprüche: Sie prägen eine Biografie, die in der DDR begann und im wiedervereinigten Deutschland endete, und eine Künstlergestalt, für die der Begriff enfant terrible zu kurz- und abgegriffen ist. Die Lebensstationen dienen nur als Randpunkte eines schillernden Prismas aus künstlerischem Schaffen und Menschenstudie. Bis zu seinem Tod und in seinem Werk noch darüber hinaus steht Thomas Brasch im Konflikt mit sich selbst, der Welt und der Gesellschaft. »Du wirst hier in der Bundesrepublik eine andere Art von Zensur finden«, sagt ihm ein Interviewer: »Sie findet an vielen Orten statt, Literatur, Kino und Fernsehen.« Man könne sie Freiwillige Selbstkontrolle nennen.

 

Sein Weggefährte und Kollege widersetzt sich ihr mit der dokumentarischen Konfrontation, in der er den faszinierten Zuschauer auf Brasch treffen lässt. Die komplexe Begegnung beschließt ein Blues-Song, den er mitsingt: »... Oh, it´s lonely at the top.« Diesen einsamen Ort hat Christoph Rüters Werk ein Stück näher gerückt.

 

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