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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 11:58

Die Mühle und das Kreuz (Polen, Schweden 2011)

08.12.2011

Zeich(n)en der Zeit

»Ich werde arbeiten wie die Spinne, die ich an diesem Morgen ihr Netz weben sah.« Tautropfen hängen in an den einzelnen Fäden. Ein Symbol der Reinheit in einer unreinen Welt, in der Sünde und Tugend, Leben und Tod einander an den Händen nehmen, um im Reigen zu tanzen. Trauer, Freude, Lust und Schmerz: Sie alle sind Teile eines großen Ganzen, die sich herauskristallisieren, ohne dabei ihren Bezug zum Gesamtbild zu verlieren. Jenes Bild steht nicht im Zentrum von Lech Majewskis unergründlichem Film, jenes Bild ist der Film. Die Mühle und das Kreuz sind seine Pole, die der Regisseur und Autor erblickt, wenn er aus den Augen Pieter Bruegels des Älteren auf eine Welt blickt, die nicht mehr die Gegenwart, sondern das Flandern des Jahres 1564 ist. Von LIDA BACH

 

»Mein Gemälde muss viele Geschichten erzählen«, sagt der in sich gekehrte Mann (Rutger Hauer), der es in der Realität gezeichnet hat und während der Handlung noch einmal zeichnen wird. Die Kreuztragung Christi ist nur eine von ihnen. »Alle großen Ereignisse vollziehen sich unbemerkt von der Menge.« Jener elementaren Erkenntnis wird der Maler gerecht, indem er Jesus wie er sagt »versteckt«. Gebeugt unter dem Kreuz ist die Christusfigur eine der unscheinbarsten und gedrungensten des Gemäldes. Nicht ihr gilt das Hauptaugenmerk der Masse, sondern den wollüstigen, naiven, traurigen und brutalen Episoden zwischen »den Menschen, die sich wie Fliegen um die Hinrichtung scharen« und nach deren Ende zerstreuen. Unter den über 500 Charakteren widmet Bruegel einem Dutzend besondere Aufmerksamkeit.

 

Diesen Personen gilt auch das Augenmerk Majewskis und des Kunstautoren und Wissenschaftlers Michael Francis Gibson, die das Drehbuch zu der filmischen Elegie schrieben. Zwei Leinwände, die auf der Bruegel die Kreuztragung Christi zeichnete, und die, auf der Majewski Die Mühle und das Kreuz zeichnet werden zu einer. Zwei Bildkünstler, der Maler und der Regisseur, ermöglichen einen schöpferischen Prozess. Was ihm entspringt ist sowohl Sittengemälde als auch Zeitporträt, realistisches Landschaftsbild und symbolistisches Gleichnis. Die von Bruegel nach dem Modell seiner eigenen Frau gezeichnete Jungfrau Maria (Charlotte Rampling) wird zur Personifikation von geraubter Lebensfreude und dem Betrauern eines unwiederbringlichen Verlusts. Ihr Spiegelbild ist eine einfache Frau aus dem Volk, deren Gefährte von einer Gruppe spanischer Soldaten aufs Rad geflochten wird.

 

Gottes Mühlen mahlen langsam

Jener Akt nimmt szenisch und in seiner grausamen Willkür die Kreuzigung vorweg. Am Fuß des Kreuzes neben der trauernden Maria Magdalena würfelt die spanische Miliz mit Zähnen so unbefangen, wie sie mit den Leben der flandrischen Bevölkerung spielen. Das Rot ihrer Gewänder steht für Zorn und Blut während die rote Rockfarbe einer beleibten Magd Genuss und Begierde verheißt. Brot, das stets vom ganzen Laib geschnitten wird, ist von Müttern und Ehefrauen zubereitetes und den Kindern gereichtes Zeichen des Nährens und Spendens von Leben. Das Korn, aus dem es gemahlen wird, Sinnbild des unaufhaltsamen Kreislaufs von Werden und Vergehen. Wie Staub rinnt es durch die Finger des Müllers, der über allem in seiner Felsenmühle thront. Ihr Rad ist das des Schicksals, welches ob grausam oder gewogen die gleiche Melodie des Spielmanns begleitet.

 

Sein Lied verstummt auch nicht vor der Konzentration Bruegels, der mit seinem Freund und Auftraggeber Nicholas Jonghelinck (Michael York) die Szenerie durchwandert. Nur sie beide und Maria sprechen in dem optischen beredten Filmgemälde, visuell berauschend und inhaltlich faszinierend. Modernste Kameratechnik und mittelalterliche Malerei hauchen Leben in eine künstlerische Studie, welche die universellen Fixpunkte Geschichte, Glauben und Gesellschaft in sich vereint. »Wenn man die Zeit nur anhalten könnte!«, sinniert der von den Gräuel seiner Zeit erschütterte Kunstsammler und wendet sich an Bruegel: »Glaubt Ihr, Ihr könntet das?« Der Maler bejaht, ohne auf die Frage seines Begleiters nach dem Wie zu antworten. Seinen unbeirrbares Schaffen beschreibt er mit einem schlichten Gleichnis: »So baue ich mein Netz wie die Spinne in der Hoffnung, den Blick des Betrachters einzufangen.« Ihm und Majewski ist es in verstörend schöner Bildpoesie gelungen.

 

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