Jean-Philipp Rameau: Platée - auf DVD
27.10.2011
Menschenverachtung
Eins der groteskesten Werke der Opernliteratur ist Platée von Jean-Philippe Rameau. Es geht um die liebeshungrige Nymphe Platée, der Jupiter, unter der Regie von Momus, dem Gott des Spotts, Liebe vortäuscht und zum Schein die Ehe verspricht, um Juno von ihrer krankhaften Eifersucht zu heilen. Das ist komisch, weil Platée in ihrer Verblendung nicht bemerkt, was tatsächlich um sie herum geschieht. Wollte sich sich zunächst noch mit dem Menschen Citheron zufrieden geben, der sie gar nicht beachtete, so zweifelt sie nur in schwachen Momenten daran, dass Jupiter selbst sie lieben könnte. Von THOMAS ROTHSCHILD
Diese Oper aus dem 18. Jahrhundert ist aber auch unendlich grausam. Denn das Einzige, was sich Platée zuschulden hat kommen lassen, ist, dass sie ihre eigene Hässlichkeit nicht erkennt. Die Grausamkeit des Spiels, das mit Platée getrieben wird, übertrifft bei weitem das Arrangement Don Alfonsos in Così fan tutte.
Die moralische Problematik wird aus heutiger Sicht zu einer politischen, weil das menschenverachtende Experiment von jenen, die im wörtlichen Sinne oben, nämlich im Himmel leben, mit einer von unten, aus dem Sumpf, veranstaltet wird. Das war für Rameau, den Günstling des Königs, kein Problem. Laurent Pelly, der Regisseur der Inszenierung, die 1999 an der Pariser Oper ihre Premiere hatte und bis heute zu den Hits des Repertoires gehört, und die Choreographin der zahlreichen Tanzeinlagen Laura Scozzi forcieren den grotesken Aspekt der »lyrischen Komödie«. Der Choreograph Mark Morris hat zwei Jahre vor Pelly eine noch eindringlichere Inszenierung geschaffen, die spätestens am Ende die Tragödie der Platée ernst nimmt.
Heiter bis respektlos
Wenn die Pariser Version, die jetzt auf DVD vorliegt, dennoch sehens- und hörenswert ist, dann liegt das in erster Linie an dem Countertenor Paul Agnew, der in der Rolle aufgeht, als wäre er nie etwas anderes gewesen als eine Nymphe. Aus dem Ensemble muss noch Mireille Delunsch in der Rolle der Folie, des (Liebes-)Wahnsinns genannt werden, die in ihrer grandiosen Koloraturarie sogar den Dirigenten in ihr elaboriertes Spiel einbezieht. Der ist übrigens Marc Minkowski, einer der besten Spezialisten für alte Musik. Zu sehen gibt es trotz einer wenig bewegten Handlung eine Menge. Schon der Prolog, der den Rahmen liefert, ist höchst originell choreographiert, in einem ansteigenden Theaterraum, der nach und nach zum Sumpf wird und verfällt.
Bis heute vermag die Heiterkeit und die Respektlosigkeit zu erfreuen, mit der schon Rameau und erst recht der heutige Regisseur die Götter und Allegorien zeichnen. Doch das ändert nichts daran: ihr Opfer ist Platée, die hässliche Nymphe aus dem Reich der Frösche. Wenn die Zuschauer aus dem Spektakel etwas lernen sollen, wie der im Prolog geäußerte Wunsch von Thalia, Momus, Amor und Thespis lautet, der ganz nebenbei die Funktion des Theaters definiert, dann ist es wohl dies: dass eine hässliche Frau keinen Anspruch auf Liebe hat. Nur ein Gutmensch würde sich daran stoßen.

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