Nur fiktiv und deshalb echt
Wer bereits vor der eigentlichen Lektüre etwas von diesem spannenden Zusatzmaterial gelesen hat, weiß, dass Stuck Rubber Baby nicht einfach nur die notdürftig verkleidete Autobiographie des Künstlers ist. Zwar hat Howard Cruse viel Autobiographisches und viele reale Personen und Ereignisse zum Vorbild genommen: Die Hauptfigur Toland Polk ist ganz klar sein Alter Ego, der rassistische Polizeichef des fiktiven „Clayfield“ hat sein reales Vorbild im damaligen Polizeichef von Birmingham/Alabama, aber Fiktionalisierung besteht hier nicht nur aus dem Abändern von Personen- und Städtenamen. Und das will man fast nicht glauben.
Cruse erzählt die Geschichte seiner Jugend - die Geschichte eines jungen, schwulen Mannes im Süden der USA während der Bürgerrechtsbewegungen der Kennedy-Jahre - nicht einfach nach, er konstruiert sie neu. So kann er etwa in der Figur des schwarzen Predigers Reverend Harland Pepper lebendig werden lassen, wie es sich damals angefühlt haben mag, das Wirken von Martin Luther King teilweise persönlich mitzuerleben, ohne dass der Comic sich an der Mythenbildung um eine derartige historische Persönlichkeit beteiligen oder ihr entgegenwirken müsste. Wenn er aus geschichtsbuchträchtigen Ereignissen wie dem zivilen Ungehorsam der Rosa Louise Parks oder dem Anschlag auf die 16th Street Baptist Church fiktive Ereignisse in Clayfield macht, die Toland Polk teilweise hautnah miterlebt, dann kann er sich statt auf deren historische Bedeutung auf die emotionale Wirkung konzentrieren, die diese damals für die Beteiligten gehabt haben müssen.
Die hohe Qualität von Stuck Rubber Baby liegt gerade in der nahtlosen Verknüpfung von politischem und gesellschaftlichem Zeitportrait und einer hochemotionalen Biographie über tragische Freundschaften, unglückliche Liebesgeschichten, darüber, was es für das ganz persönliche Glück oder Unglück eines einzelnen bedeuten kann, in einer so bewegenden Zeit aufzuwachsen. Dieser persönliche Blickwinkel ist so facettenreich erzählt und so konsequent durchgehalten, dass niemals der Eindruck entsteht, Toland Polk und die anderen Figuren der Erzählung wären exemplarische Gestalten, anhand derer eigentlich „nur“ ein Zeitportrait erstellt werden soll. Cruse gelingt es, beiden Anforderungen gerecht zu werden.
Gerade eine europäische Leserschaft wird sicherlich immer wieder darüber staunend erschrocken sein, dass eine Zeit von derartig offenem Faschismus und Rassismus, in der man als Schwarzer oder Homosexueller um sein Leben zu fürchten hatte, in einem Land wie den USA gar nicht so lange her ist. Gleichzeitig gilt die Anteilnahme des Lesers den ganz „alltäglichen“ Problemen der Protagonisten, die der Graphic Novel ihre zeitlose Qualität verleihen.
Toland, der sich nicht nur aus Angst vor gesellschaftlicher Repression, sondern auch aus Angst vor dem vielleicht zu geringen Ausmaß seiner eigenen Beziehungsfähigkeit lange Zeit die eigene Homosexualität nicht eingestehen will, wird schließlich damit konfrontiert, dass seine Vorzeigefreundin Ginger, die eigentlich einer große Liedermacherin werden möchte, von ihm schwanger ist – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt in ihrer Beziehung, an dem ihnen beiden bereits klar geworden ist, dass sie niemals als Paar glücklich werden können. Die Frage, ob dieses Kind nun abgetrieben werden soll, wird zu einem wichtigen Dreh- und Angelpunkt und bricht niemals unter dem Gewicht des gesellschaftspolitischen Überbaus der Story zusammen.