Beeinflussen die Bücher, die Sie lesen, Ihre Kolumnen?
Auf jeden Fall. Ich versuche jede Woche ein Buch zu lesen. Manchmal klappt das besser, manchmal schlechter, aber so übers Jahr komme ich auf ungefähr 50 Bücher. Dafür habe ich den anderen Medienkonsum runtergefahren. Ich lese nicht mehr so oft den Spiegel oder ähnliches. Denn wenn ich das alles lese, dann könnte ich keine Bücher mehr lesen. Meiner Kolumne würde das nicht gut tun. Ich wäre dann unter Umständen in einer Mediensprache gefangen, aus der ich nicht mehr raus komme. Das ist eine andere Art, mit Sprache umzugehen. Als Kolumnist braucht man seine eigene Sprache, die macht man sich kaputt, wenn man zu viele Presseartikel liest.
Schreiben Sie lieber über große Themen, die das ganze Land beschäftigen – beispielsweise den Papstbesuch – oder über Alltagsthemen – das Leben mit einem Hund etwa?
Das ist stimmungsabhängig. Solche Kolumnen funktionieren nur, wenn man in der richtigen Stimmungslage ist. Man setzt sich an den Computer und fragt sich: Wozu hab ich jetzt Lust? Das klingt jetzt aber viel zu paradiesisch. Es bleibt Arbeit und kann auch wirklich furchtbar sein. Ich vergleiche meine Arbeit mit der eines Fernfahrers: Ich hab Zitronen geladen und die müssen nach Wolfsburg. So oder so. Und dann quält man sich manchmal rum.
Ihre Kolumne erscheint wöchentlich in der Zeit. Schreiben Sie auf Vorrat?
Ja. Ich habe das große Projekt, drei Wochen Urlaub zu machen. Das hab ich schon Ewigkeiten nicht mehr gehabt. Immer nur mal eine Woche oder so. Drei Wochen stelle ich mir unglaublich klasse vor und will also drei Kolumnen auf Vorrat schreiben. Ich habe jetzt eine und muss noch zwei weitere schaffen. Das der größte Vorsprung, den ich mir jemals erschrieben habe.
Und wie lange sitzen Sie an einer Kolumne?
Wenn es gut läuft, habe ich das an einem Tag geschafft. Es gibt aber auch Wochen, da sitze ich drei Tage dran. Immer mal wieder. Es gibt Sachen, die schreibt man in einem Rutsch runter. Aber es gibt auch Dinge, die wehren sich unglaublich und ich brech dann auch mal ab, weil ich mir denke, das Thema bringt es einfach nicht. Ich habe mir von manchen Themen so viel versprochen und dann ist einfach nichts passiert. Manchmal scheitert man auch, gibt was ab und denkt, das war jetzt nicht so toll. Aber die Güteklasse einer Kolumne entscheidet sich an dem Durchschnittsniveau, das sie hält. Was bedrückend und unangenehm ist an dem Job, ist der Gewöhnungseffekt. Es kann sein, dass man immer gleich gut schreibt, über viele Jahre hinweg. Aber irgendwann gewöhnen sich die Leute daran und denken, jetzt lässt er nach. Eigentlich müsste man immer besser werden.
Lesen Sie auch Kolumnen von Kollegen?
Ja. Axel Hacke oder Max Gold. Auch Zippert. Aber nicht regelmäßig und wenn ich sie lese, dann nie an dem Tag, an dem ich etwas Eigenes schreibe. Das ist mir zu riskant.
Haben Sie Vorbilder unter den Kollegen?
Ja, was zum Beispiel Harry Rowohlt geschrieben hat, war immer sehr beeindruckend. Das war was ganz Neues – Dadaistisches. Das kannte man in Deutschland noch gar nicht.
Sind Sie neidisch darauf, wie viel Platz Max Goldt in der Titanic eingeräumt wird – immerhin eine ganze Doppelseite?
Überhaupt nicht. Ich find es sehr viel schwieriger, so viel Platz zu füllen. Ich hab 3500 Zeichen und das kommt mir schon viel vor. Ich habe mal eine Zeitlang für Geo Kolumnen geschrieben, die sollten 8000 Zeichen haben. 8000 Zeichen kamen mir zu lang vor.
Gehen Sie nur noch auf der Suche nach Themen auf die Straße?
Niemals. Ich geh auch nicht irgendwo hin und denke, vielleicht fällt da was ab. Ich mache selten etwas aus eigenem Antrieb heraus. Ich habe mich nie hingesetzt und aus einem Mitteilungsdrang heraus angefangen zu schreiben. Es bleibt Arbeit. Man darf das nicht romantisieren. Auch Schriftsteller arbeiten und es gibt für sie kaum ein schöneres Gefühl als mit etwas Großem fertig zu werden. Deswegen habe ich auch bei dem Schreiben von Romanen ein Arbeitsprinzip. Ich gehe da mit einem Angestelltendenken ran. Ich weiß wie viele Seiten es werden sollen und ich weiß, wie viele Tage ich Zeit habe. Ich weiß also, ich muss jeden Tag drei oder vier Seiten schreiben und dann fange ich um neun an und stehe auch nicht vom Schreibtisch auf, bis diese Seiten fertig sind. Wenn ich Glück habe, ist es um drei Uhr nachmittags so weit, wenn ich Pech habe, zieht es sich bis zehn Uhr nachts. Aber die drei Seiten werden geschrieben.
Und ohne Deadline würde ich nie fertig werden. Ich würde immer noch ein wenig herumfeilen oder sagen, man kann das noch besser machen. Ich bin auch nie zufrieden. Den perfekten Text gibt es nicht.
