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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 12:10

The Great American Pin-up

24.11.2011

Pretty as a Picture

»Ich habe sie auf der Straße gesehen, im Theater, in der Kirche. Überall und bei allem habe ich sie gesehen. Wie sie über die Fifth Avenue schlendert und bei der Arbeit hinter der Ladentheke steht. Die Nation hat diesen Typ geschaffen.« Die Genesis des Pin-ups lässt sich kaum besser beschreiben als Charles Dana Gibson es tat. Erzählt der Illustrator, wo er das Mädchen fand, das als »Gibson Girl« zum Ideal weiblicher Anmut wurde, nimmt er die Geschichte einer Kunstform vorweg, die es verdient, als eigene Richtung anerkannt zu werden. In ihrem verführerischen Bildband The Great American Pin-up haben Charles Martignette und Louis K. Meisel genau dies getan. Von LIDA BACH

 

Das »Gibson Girl« ist das früheste der über 900 Mädchen, die der farbige Hochglanzband vorstellt. Ihr Alter sieht man der 1887 geborenen Schönheit mit dem aufgetürmten Haar und der Wespentaille nicht an. Nachdem sie zwei Jahrzehnte von Gibsons satirischen Zeichnungen und Alltagsobjekten vom Kopfkissenbezug bis zum Zierteller ihren Verehrern zugelächelt hatte, war sie so jugendlich und frisch wie ihre Nachfolgerinnen von George Quintana, Enoch Bolles und Alberto Vargas. Die Figur der Pin-ups hatte sich kaum verändert: schlank, aber kurvenreich, mit mädchenhaftem Gesicht und strahlendem Lächeln. Der entscheidende Unterschied liegt in ihrem Auftreten.

 

»You´re my little pin-up girl, honestly, You are, To me You have the grace of an angel, the face of a movie star« (Mack Gordon)

 

Die Modelle der Jazz-Ära und wilden Zwanziger sind frivoler als ihre sanfte Vorgängerin. Selbst ihre Nachfolgerinnen aus den 40ern und 50ern, dem Goldenen Zeitalter der populären Aktkunst für jedermann, besitzen nicht den aufmüpfigen Charme der zweiten Generation Pin-ups. The Great American Pin-up – das ist Gil Elvgreens, wie es der Titel des schäkernden Diskurses in Kunstgeschichte zeigt. Seine Erotik ist unbeabsichtigt wie ein Rock, der sich an einem Zaun verfängt, eine Laufmasche im Strumpf oder ein Klecks auf dem Dekolleté, ohne dabei verschämt zu sein. Die originellen Situationen, in denen man die Mädchen ertappt, verleihen den Bildern den humorvollen Charme und die Unschuld, die es ihnen gestattet, in den sauberen USA Ende der dreißiger bis Mitte der sechziger Jahre zu Ikonen des All American Way of Life zu werden.

 

Honeys, Sweeties, Sugars: Eyecandy – Cheesecake. Die Koseworte für die hübschen Mädchen von nebenan, den visuellen Genuss, den das Ansehen bereitet, und das Slang-Wort für die neckischen Bilder geben den Oberbegriff für den im Taschen Verlag erschienenen Kunstband: Augenschmaus. Das meistpublizierte Modell aus Fleisch und Blut war Schauspielerin Betty Grable. Ihr Blick verhieß eine naive Sexualität, die sich ihrer Verführungskraft nicht bewusst war. Das klassische Pin-up ist das Gegenbild der einschüchternden Femme fatale – und dennoch alles andere als ein Symbol weiblicher Unterdrückung.

 

Sexbomben & Wonder Women

Das in Englisch, Französisch und Deutsch verfasste Vorwort zeigt als freizügigen Vorgänger der Kalendergirls einen weiblichen Akt mit Zylinder und Zigarre. Der halb scherzhafte, halb auffordernde Blick, die Aneignung männlicher Accessoires – nicht obwohl, sondern gerade wenn sie das einzige Kleidungsstück darstellen – und die aufrechte Haltung vermitteln ein Selbstbewusstsein, das über die Grenzen des rein Erotischen hinausreicht. Mit einem unwiderstehlichen Lächeln und charmanter Selbstverständlichkeit infiltrieren die Pin-ups Lebensbereiche, die damals reine Männerdomänen waren. Sie lassen sich beim (Strip-)Poker in Ausschnitt und Karten blicken und sehen in Polizeiuniform verboten gut aus. Sie zeigen Bein unter der Richterrobe und lehren als Professorin, dass Brille sexy ist.

 

Auf Bomben und Kampfflugzeugen trugen sie in zwei Weltkriegen zur Truppenmotivierung bei, abgesehen von ihrer Allgegenwart an Spindwänden, auf Propaganda- und Reklamepostern. Nicht verwunderlich, dass die erste Superheldin Wonder Woman von Harry G. Peter eines von ihnen ist. Der Schnittpunkt zwischen Superheldin und All American Girl, Traumbild und Realität, Tugend und Sinnlichkeit ist das Pin-up. Die Persönlichkeit der Cheesecake-Schönheit beschreibt wieder Gibson: »Es gibt kein Gibson Girl, sondern Tausende amerikanische Mädchen. Und dafür lasst uns Gott danken.«

 



 

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