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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 12:15

Posy Simmonds: Gemma Bovery

07.12.2011

Heirate keinen Bovery!

Comic-Versionen von Romanklassikern gibt es zuhauf, auch an Modernisierungen herrscht kein Mangel. Aber Simmonds versucht mit Flauberts Madame Bovary etwas Neues: Sie verurteilt ihre Heldin Gemma Bovery nicht nur dazu, das Schicksal ihrer Namensvetterin Emma – in variierter Form – durchleben zu müssen, sie drückt ihr auch noch Flauberts Roman in die Hand, um sie nicht im Zweifel darüber zu lassen, zum Epigonentum verurteilt zu sein. Von ALEXANDER FRANK

 

Gemma ist eine junge, hübsche Illustratorin in London. Damit sie zu Madame Bovery wird, müssen zwei Dinge passieren. Den Namen Bovery erwirbt sie, indem sie den netten, aber etwas langweiligen Charlie Bovery heiratet, der sie nach einer gescheiterten Beziehung aus ihrer Trübsal zieht. Danach kaufen sich die beiden ein Landhaus in der Normandie und durch den Umzug der Engländer nach Frankreich wird die »Ms« zur »Madame«. In gewisser Weise fordert sie das Schicksal also selbst heraus, wobei sie ihren neuen Namen vorerst nicht weiter beunruhigend findet. Dass die Franzosen sie darauf ansprechen erscheint ihr eher kurios, sie kennt den Roman nur dem Titel nach und hat auch nicht vor, ihn zu lesen.

 

Omen oder Schall und Rauch?

Aber nicht alle halten Namen nur für Schall und Rauch. Der intellektuelle Dorfbäcker Joubert, der sich eigentlich zu Höherem berufen fühlt, ist schnell davon überzeugt, dass hinter so einem Namen auch eine Geschichte stecken muss, und fängt an, Gemma hinterher zu spionieren. Tatsächlich dauert es nicht lange, bis diese, vom Landleben gelangweilt, eine Affäre mit einem Adelsspross beginnt, der seine Semesterferien in dem etwas heruntergekommenen Dorfschloss verbringt. Spätestens ab diesem Zeitpunkt muss Joubert, der längst selbst den Reizen seines Studienobjekts erlegen ist, mit dem Schlimmsten rechnen, denn er hat natürlich seinen Flaubert gelesen.

 

Joubert ist auch der Erzähler der Geschichte, die er rückblickend nach Gemmas Tod uns beichtet, da er sich selbst schuldig in sie verstrickt sieht. Gemmas Tagebücher, die er heimlich hat mitgehen lassen, und seine Beobachtungen sind die Zutaten für seine Erzählung. Dieser subjektive Blick - der zudem gefärbt ist von seiner Schwärmerei für Gemma und den Vorwürfen, die er sich selbst macht - ist eigentlich eine sehr reizvolle Konstruktion. Sie bildet auch einen deutlichen Kontrast zum kühl-sezierenden Blick, den der Erzähler bei Flaubert auf die Heldin wirft.

 

Leider ist diese Perspektive aber nicht konsequent umgesetzt. Die subjektive Färbung tritt nur in den direkten Kommentaren Jouberts zutage, wenn die Handlung aber von der Gegenwart des Erzählers in die Ebene der erzählten Vergangenheit springt, soll der Leser den Eindruck haben, zu sehen, was wirklich passiert ist. Deswegen werden ihm auch Details nicht vorenthalten, die Joubert eigentlich gar nicht wissen kann.

 

Das allwissende Himmelsauge

Diese unausgegorene Erzählkonstruktion ist eng verbunden mit Simmonds eigenwilligem Comic-Konzept. Zwischen die Panelsequenzen sind immer wieder kürzere oder auch längere Textpassagen einmontiert. Auf manchen Seiten überwiegt der Text und es werden nur einzelne Bilder eingefügt. Einerseits werden so die – eleganten und fein ausgearbeiteten – Zeichnungen zumindest teilweise zu bloßen Illustrationen des Textes. Andererseits steht dieser formalen Unterlegenheit der Bilder ihre inhaltliche Überlegenheit gegenüber. Denn während die Texte eine subjektive Stimme haben – Joubert als Erzähler oder Gemma als Tagebuchschreiberin – werden die Bilder offenbar von einem allwissenden Himmelsauge gesehen.

 

Eine Reflexion von Joubert ist in diesem Zusammenhang sehr aufschlussreich: »Es ist schon interessant, wie sehr wir durch die Fernsehkameras daran gewöhnt sind, immer und überall dabei zu sein. Wie zum Beispiel in diesen Tiersendungen, wenn eine Schlange einer Ratte ins Loch folgt, dann geht die Kamera auch mit hinunter. (…) Aber zum Glück verschwinden im richtigen Leben Ratte und Schlange einfach nur im Boden, und c’est tout! Mehr sehen wir nicht.« Indem sich Simmonds nicht ausschließlich auf ihren Erzähler verlässt, sondern den Figuren auch mit der Kamera folgt, wird deutlich, dass ihre Comics weniger von der Literatur geprägt sind – auch wenn sie sich auf Flaubert oder in Tamara Drewe auf Thomas Hardy beruft – als vom Fernsehen.

 

Franzosenversteher

Aber Simmonds sieht sich wohl selbst eher als Satirikerin und weniger als jemanden, der ein »vielschichtiges Panoptikum« schafft, das zudem »psychologisch dicht erzählt« sei – wie der Verlag auf dem Cover preist. Dazu passt auch, dass der Comic als Serie in der Tageszeitung The Guardian erschienen ist. Das Leben der Expatriats in Frankreich bietet schönes Material für Sozialsatire: die neureichen Schnösel, die bemüht-angepassten Baskenmützenträger, die einsprachigen Ignoranten.

 

Dass sie alle von einem Ur-Franzosen kommentiert werden, ist natürlich für den britischen Zeitungsleser noch ein besonderer Kick. Und dass es im Comic sogar einige nicht übersetzte Dialoge in Französisch gibt, ist bezeichnend. Soviel kulturelle Beflissenheit will sich der Guardian-Leser zugetraut wissen. Soweit ist es mit den Briten also schon gekommen: Dass man als Franzosenversteher einen Distinktionsgewinn erzielen kann.

 

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