The Artist (Frankreich 2011) - jetzt im Kino!
26.01.2012
Life and Death of a Hollywood Extra
»Rede!« – »Ich werde nichts sagen!« Blitz! Schock! Flackern! Noch höher drehen die russischen Schurken die Stromzufuhr des Folterstuhls, auf dem ihr Gefangener sich windet. »Rede!« Aber der schneidige Spion im Abendanzug schweigt, noch unbarmherziger, als seine Gegner ihm Volt durch das Gehirn jagen. Wird er nachgeben? Niemals! Nicht als er hilflos in den Fängen einer feindlichen Maschinerie feststeckt, nicht als er in eine düstere Zelle geworfen wird, nicht als er einsam dem Ende entgegensieht. »Rede!« ist die Anfangsszene von The Artist. Szene, nicht Anfangsdialog. Ein solcher existiert nicht in Michel Hazanavicius Kinokunstwerk. Von LIDA BACH
Der Wortwechsel zu Beginn ist die unmissverständliche und dabei elegant verschlüsselte Proklamation des cineastischen Credos des Meisterregisseurs. Meisterregisseur, diese Plakette scheint für den ungarischen Filmvirtuosen gleichzeitig zu viel und zu wenig der Ehre. Zum einen ist sie so hochfliegende, dass ihre Rechtfertigung sich kaum bemessen lässt, kennt man von Hazanavicius nur diesen einen Film: The Artist. Zum anderen ist sie so inflationär, dass ihr etwas Profanes anhaftet, etwas Kalkuliertes, Kommerzielles. All das ist das Gegenteil des tragisch-komischen Dramas, dessen Inszenierung einem Tanz am Abgrund gleicht. Einem Stepptanz, um genau zu sein. So trivial, sentimental und theatralisch wie er sich anhört ist der Plot auch. Gerade dies macht ihn so ergreifend. Denn trivial, sentimental und theatralisch ist auch das Leben. Das Kunststück liegt darin, diese Eigenschaften in der Kunst zum Gleichnis derer in der Realität zu machen.
Silent Movie
Kein Dialog, kein Monolog, nichts. Und doch alles und noch mehr als man sich im Kino wünschen kann oder besser: zu wünschen wagt, besitzt die fiktive Biografie, die auch eine wahre sein könnte. Sie beginnt mit einem filmischen Absurdum: »Speak!«, befiehlt eine Textkarte, doch Hazanavicius und der Hauptcharakter weigern sich entschlossen. Der Film, den der Zuschauer in der ersten Szene sieht, heißt nicht The Artist, sondern A Russian Affair. Ein Film im Film ist nichts besonderes, ein Stummfilm im Film schon eher. Doch Spionagekrimi, den der zuerst strahlende, später tragische Held anschließend vorstellt, ist ein Stummfilm im Stummfilm. Sein Star ist George Valentin (Jean Dujardin), der das galante Charisma Adolphe Menjous mit dem verführerischen Draufgängertum Douglas Fairbanks verbindet.
Die Fans lieben George und George liebt das Filmemachen, seine Ruhm und sich selbst. Mit siegesgewissem Lächeln blickt er der jubelnden Menge entgegen und sich selbst, aus dem Garderobenspiegel und in Öl gemalt von der Wand seiner Villa. Das verbrämte Porträt ist Symbol des verzerrten Selbstbildes, das die Handlungsrealität korrigiert, lange bevor es der verzweifelt sture Charakter vermag. Wenn The Artist beginnt, ist sein Niedergang bereits festgeschrieben. The Jazz Singer leitete eine neue Ära des Kinos ein, die zum größten Umbruch der Filmgeschichte wurde. 1927 ist George eine Ikone der Leinwand, die stumm ist genau wie er. Die Leinwand lernt sprechen, George lernt es nicht. Darin liegt die Tragödie, die zugleich Komödie, Liebesfilm, Psychodrama und Hommage ist.
A Star is born
»Die Leute wollen neue Gesichter, sprechende Gesichter!«, sagt Georges Regisseur Al Zimmer (John Goodman). Eines der sprechenden Gesichter gehört Peppy Miller (Berenice Bejo), die George ihre erste Statistenrolle verdankt. Während ihr Stern immer heller am Tonfilmhimmel erstrahlt, verblasst der von George. »Lonely Star« steht auf einem der nostalgischen Kinoposter, deren Filmtitel die Handlung ironisch aus dem Hintergrund kommentieren. Der Rückzug in sich selbst vertreibt Geogres Gattin Doris (Penelope Ann-Miller), die Flucht in den Alkohol schließlich auch seinen treuen Butler Clifton (James Cromwell). Noch ergebener als Clifton ist nur Jack (Uggy), Geogres Terrier und der unbestreitbare Held des mit Anspielungen und Verweisen überfließenden Bilderrausches. In Cannés gab es dafür verdienten Applaus, den Darstellerpreis für Jean Dujardin und einen Spezialpreis: für Uggy.
Das Publikum wolle Frischfleisch, sagt Zimmer bei der Ankunft des Tonzeitalters zu George: »Und das Publikum irrt sich nie.« Doch, das tut es und hat es immer getan. Am fatalsten womöglich damals, als es entschied, dass die Stummfilmzeit für immer vorbei sei. Michel Hazanavicius schillernde Referenz an eine untergegangene Ära kann nur ihre Geister beschwören. Man hofft, das Kino wird sie nie wieder los.
Zum Interview mit Regisseur Michel Hazanavicius!
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