Zum ersten Mal wurde der reiche Jedermann vor 91 Jahren vom Tod geholt, weil er so lasterhaft gelebt hatte. Mit ihm wurden die ersten Salzburger Festspiele eröffnet, er wurde zum Markenzeichen dieses bis heute angesehenen, wenn auch oft gescholtenen Festivals, das seither so vielen Nachahmern als Vorbild gedient hat. Aber machen wir uns nichts vor: „Jedermann“ ist ein grauenvoll schlechtes Stück. Pathetisch, langweilig und bigott, der Versuch eines katholischen Dandys, seine jüdischen Vorfahren durch Übereifer vergessen zu machen. Wenn der Antisemitismus, nach einem Wort August Bebels, der Antikapitalismus des dummen Kerls ist, dann repräsentiert der „Jedermann“ den Antikapitalismus des Spießers. Wer am Glauben festhält, sagt er uns, und nicht (nur) am Geld, kommt in den Himmel. Es ist schon kurios, wie Leute, die ansonsten nicht müde werden, Theaterereignisse als „veraltet“ und „konventionell“ abzuqualifizieren, einem Spektakel zujubeln, das schon zum Zeitpunkt seiner Entstehung (bewusst!) anachronistisch war. Während man echte barocke Stücke, wenn überhaupt, nur noch mit ironischer Brechung inszeniert, nimmt man diesen Schmarrn ernst, der sich zu seinem Vorbild verhält wie die Prunkbauten des Historismus zu tatsächlichen Kirchen und Palästen der Gotik, der Renaissance oder des Barock.
Eine nunmehr erschienene DVD macht den Jedermann erträglich. Sie nennt sich Jedermann Remixed und ist genau das: eine Montage von kurzen Ausschnitten zahlreicher Aufführungen, die teils am Nachmittag, bei Tageslicht, teils abends vor dem Salzburger Dom stattfanden, unterlegt mit thematisch verwandten Songs der Popgeschichte. Indem die Form aufgebrochen wird, bekommt sie automatisch einen selbstironischen Unterton. Nicht zuletzt wegen der stilistischen Unterschiede, die sich im Spiel wie im Sprechen über die Jahrzehnte eingeschlichen haben und die einander hier relativieren. Dabei ist es allerdings bemerkenswert, wie langlebig manche Gesten – etwa die gespreizten Arme beim Auftritt der Buhlschaft – geblieben sind. Auch die Sprechmelodie ähnelt sich an manchen Stellen stark, wohl zum Teil wegen des undifferenzierten Brüllens, das vom Freilichttheater gefordert wird. Die größten Freiheiten bei der Gestaltung wie übrigens auch im Kostüm hat der Teufel, und er wird in dieser Montage zur interessantesten Figur.
In all den Jahren haben sich immer wieder namhafte Schauspieler – nicht zuletzt wegen der ansehnlichen Gage, aber auch wegen des damit verbundenen Popularitätszuwachses – verführen lassen, in Salzburg mitzuwirken. Und so ist „Jedermann Remixed“ auch eine Begegnung mit einigen der größten Schauspieler des österreichischen und des deutschen Theaters. Nur bei der Buhlschaft war es offenbar nicht immer das Talent, was den Ausschlag für das Engagement gegeben hat. Wer etwa Veronika Ferres für eine Schauspielerin gehalten hat, wird hier eines Besseren belehrt. Einige Darsteller, die im „Jedermann“ vorübergehend zu sehen waren, fehlen leider. Von anderen würde man gerne mehr als nur ein paar Sekunden sehen. Wie dem auch sei: „Jedermann Remixed“ vom Popmusik-Experten Hannes Rossacher kann auch Jedermann-Verächtern empfohlen werden. So hätte sogar Qualtinger in seinem aktualisierten Banana-Boat-Song Jedermann leben lassen.