Ziemlich beste Freunde - jetzt im Kino!
12.01.2012
Von behindertengerechten Maseratis
Mit einem Maserati durch die Stadt rasen, das kam für Philippe (François Cluzet) schon seit vielen Jahren nicht mehr in Frage. Einerseits ist er ab dem dritten Wirbel querschnittsgelähmt, andererseits hält er es für unpragmatisch, sich mit diesem Auto von seinem neuen Pfleger Driss (Omar Sy) fahren zu lassen. Doch Driss macht sich nicht viel aus Philipps Pragmatismus, setzt ihn kurzer Hand auf den Beifahrersitz und schliddert mit röhrendem Motor über den mit Kies bestreuten Parkplatz. Von ALEXANDER FUNK
Ebenso wie der Maserati vor Philipps Stadtvilla jahrelange abgedeckt und unbenutzt stand, scheint es, war auch der ältere Mann lange nicht mehr zum metaphorischen Gas-geben gekommen. Alles in seinem Leben hatte sich auf seine Behinderung eingestellt, automatisiert. Sein Humor ist versteckt unter einer dicken Schicht Alltag und sein Lebensmotor besteht aus einer Brieffreundschaft mit einer Frau, die er nicht einmal gesehen hat. Sein Wohlstand ist zu einer prächtigen Kulisse geworden, vor der er sein Dasein fristet. Als bei einem Bewerbungstag für die freigewordene Pflegerstelle ein junger Mann namens Driss auftaucht und lediglich eine Unterschrift für das Arbeitsamt verlangt, beeindruckt Philippe dessen Offenheit und sein Humor. Der noch vollkommen überraschte Driss bekommt am nächsten Tag ein eigenes Zimmer und wird direkt in seine neuen Aufgaben hineingeworfen.
Harmonie aus Gegensätzen
Was ist das Leben Wert, wenn man vergessen hat zu leben? Dieser Frage geht Ziemlich Beste Freunde nach, der im Französischen den viel eleganteren Titel Intouchables trägt. Dabei zeigt er auf einer wahren Begebenheit basierend nicht nur die Errettung eines Mannes aus der Lethargie seines Lebens und der Gleichgültigkeit gegenüber dem Vergnügen. Er zeigt auch mit Driss einen jungen Mann, der eben erst aus dem Gefängnis entlassen wurde und durch einen glücklichen Zufall aus dem Teufelskreis des »Ghettolebens« ausbrechen kann. Es sind viele Gegensätze, die hier aufgebaut werden, um sie später wieder zusammenzuführen: Arm und Reich, Schwarz und Weiß, Bildung und Straßenweisheit. Man könnte dem Film sogar vorwerfen, dass er zu viele Klischees bedient. Doch bei der Leichtigkeit der Inszenierung und der Harmonie der beiden Hauptdarsteller fügt sich alles einfach zu gut: die Story, die Umstände, die Lebensgeschichten von Driss und Philippe.
Und eben die Gegensätze nehmen nicht überhand, sondern verharren im Hintergrund, um ab und an wieder durchzuscheinen. Im Spiel der beiden Hauptdarsteller sind Humor und Vertrautheit die beiden Elemente, die am meisten hervorstechen und dem Film die besondere Note fernab aller Klischees verleihen. So wird das Offensichtliche nicht zu einer Oberfläche reduziert, sondern öffnet eine Tür zu einer gefühl- und liebevollen Beziehung zwischen zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Dreistigkeit gegen Angst
Viele schöne Motive haben die beiden Regisseure und Drehbuchautoren Eric Toledano und Olivier Nakache für die Beziehung zwischen dem querschnittsgelähmten Philippe und seinem Pfleger und Freund Driss gefunden. Autos, Kunst, Musik. Viele Szenen kommentieren und deuten die Beziehung der Beiden, wie an Philipps Geburtstag, wenn die Musik im Laufe des Abends von Klassik zu Disco wechselt und Driss mit vollem Körpereinsatz seine Mooves zum Besten gibt. Ebenso verhält es sich mit den Autos, der Malerei oder der Sexualität. Oft zeigt sich Philippes Wunsch, ein »normales« Leben führen zu können, erst durch diese Dinge. Und Driss will ihm eben dieses ermöglichen, auch wenn es heißt, sich über die Starrköpfigkeit und Angst Philipps hinwegzusetzen.
Ziemlich Beste Freunde ist ein Film über Hoffnung geworden, voller Zwischenmenschlichkeit und Humor. Unbeschwert und fließend erzählen die beiden Filmemacher eine Geschichte über unerwartete Beziehungen, weltliche Genüsse und das Ergreifen von Chancen.
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