Ein Bordellbesuch in der Provinz - Teil 2
24.01.2012
Algen und glitschiges Heu
Das erste im Haus Rose ist der Geruch, noch vor allem anderen, noch bevor es die drei kleinen Stufen runtergeht in den ersten Flur: Der Geruch, und ich denke: Leichenhalle. Das ist Quatsch, klar, aber ich hatte den Geruch von Sex erwartet, archaischen Algengeruch, gemischt mit Schweiß und nassem, glitschigem Heu. Oder wie auch immer man den Geruch beschreiben soll, daran sind schon bessere als ich gescheitert. So riecht es im Haus Rose jedenfalls nicht. Eher sauber, ordentlich, der Geruch von Reinigungsmitteln, daher kommt vielleicht diese Assoziation mit der Leichenhalle: Reinigungsmittel, und etwas liegt darunter, der Geruch vieler Menschen, vielleicht, die hier ein- und ausgehen, die hier ständig sind, und Zigarettenrauch. Die Geräusche sind gedämpft, als läge hier überall Teppich, hin und wieder Türenklappen, das Lachen von Frauen. Wie schaut man sich so einen Laden an? Wie ein Museum? Wie einen Zoo? Wie eine Wohnung, die man mieten möchte? Wie soll ich hier entlanggehen? Soll ich die Frauen grüßen, auch wenn sie so skeptisch gucken wie die hinten in der Ecke? Soll ich die Kunden grüßen? Kollegial? Überlegen? Ich habe keine Ahnung. Eine Erkundung von JAN FISCHER
Das ist mein Papi
Die Frauen hier, sagt Heinz, sind international, die kommen von überall her, viele sprechen kein Deutsch. Sie hier, sagt er, und geht in ein Zimmer, in dem eine schwarze Frau in knappem Bademantel vor einem Laptop sitzt, kommt aus, äh, Afrika. Die Schwarze lächelt kurz. Ein Fernseher steht vor dem Bett, daneben ein grüner Rollkoffer. Herzen an den Wänden. Plastikpop rauscht basslos aus Plastiklaptopboxen. Hauptsächlich, sagt Heinz, arbeiten hier Frauen aus dem Ostblock. Wir sind Fluchthaus, die Frauen kommen und gehen. Die wenigsten bleiben länger als zwei Jahre. Das Haus ist weitläufig, wir gehen nach rechts, eine Treppe runter, Bilderrahmen hängen über dem Geländer, diese barocken Rauschgoldimitationen, darin, handschriftliche Mitteilungen mit Textmarker geschrieben: Joy, Zimmer 23, sinnliche Thai-Massage. Marika, Zimmer 12, blond, jung und lieb. Jeanna, Zimmer 9, vollbusig und erfahren. Hier informieren wir die Kunden, sagt Heinz, über unsere Neuheiten, und im selben Augenblick ertönt im Hintergrund ein spitzer Schrei, und zerreißt das gedämpfte Gelächter und Gemurmel in den Fluren. Eine blonde Frau, ein Mädchen fast noch, hat uns gesehen, sie trägt einen schwarzen Jogginganzug mit Leopardenmusterbund. Sie rennt auf Heinz zu, umarmt ihn, küsst ihn auf die Wange und sagt – mit stark ostigem Akzent – in die Runde: Das ist mein Papi.
Sie fragt, wie alt ich bin. Ich sage 28, und sie sagt: Ich bin 22. Sie wirkt wie einer dieser Menschen, die sich mit irrer, quietschiger Begeisterung auf etwas stürzen können; so, wie gerade auf ihren Papi Heinz. Und irgendwie macht einen diese quietschige Begeisterung ein bisschen fröhlicher. Ich frage mich, ob das ihre Masche ist. Und ich frage mich, ob das Marika ist, jung, blond, lieb, das passt, das könnte sie sein. Heinz lächelt ein wenig betreten, und sagt: Sie ist Rumänin. Ich muss wieder an Sarah denken, nicht an ihren Satz, aber ich frage mich, was sie dazu gesagt hätte. Ich vermute, sie hätte die Nase gerümpft, sie wäre in irgendeine Art rechtschaffenen Zorn ausgebrochen, das macht sie immer, sie würde sagen: Natürlich wird keine Frau gezwungen hier zu arbeiten, nicht von Heinz, jedenfalls. Sie würde etwas über die Gesellschaft sagen, darüber, dass sie keinen anderen Ausweg lässt, sie würde irgendein Argument, eine Argumentation riesig groß hochziehen, groß genug, dass man irgendeine Organisation gründen könnte, die sich mit dem Problem befasst und Fördergelder beantragen, aber ich glaube nicht, dass es bei der Rumänin und ihrem Papi darum geht. Sie lächelt ununterbrochen, sie lächelt Heinz an, sie lächelt mich an, und ich würde sie gerne fragen, ob sie glücklich ist, hier, ob sie tanzt, aber ich bin mir sicher, dass sie einfach nur weiter lächeln würde, und sagen würde: Ja, und mich dann fragend anschauen. Es würde nicht weiter helfen, sie zu fragen. Ich glaube, sie würde die richtige Antwort geben. Aber nicht auf interessante Art.
Keine Fenster
Über uns klappt eine Tür, ein Mann kommt raus, ein Kunde offensichtlich: Er hat tatsächlich eine Mütze tief im Gesicht, er hat tatsächlich einen Schnauzbart und einen Bauchansatz. Er geht an uns vorbei, schaut nur kurz hoch, damit er an uns vorbeikommen kann, geht so schnell wie möglich die Treppe runter. 30 Sekunden später geht dieselbe Tür desselben Zimmers noch einmal auf, eine Frau in Bademantel kommt raus, geht an uns vorbei, nickt Heinz kurz zu. Heinz sagt: Lass uns mal ein Fenster aufmachen, und erst da fällt mir auf, dass es keine Fenster gibt: Nicht in den Baccara-Zimmern. Nicht in den Haus Rose-Zimmern. Nicht auf den Fluren, wo die gelangweilten Frauen rauchen. Es gibt nirgends ein Fenster, jedenfalls keines, aus dem man rausschauen könnte, es gibt nur Rahmen, die aussehen, als seien es einmal Rahmen von Fenstern gewesen, und immer ist etwas darauf geklebt: rote Folie, irgendeine halbnackte Frau.
Vielleicht steckt eine Metapher darin, etwas Symbolisches, etwas, an dem man Offenheit und Abgeschlossenheit des Haus Rose erklären könnte. Heinz sagt die ganze Zeit schon, schon unten, als wir uns im Baccara trafen, dass er sich wünschen würde, dass mehr Menschen kommen. Vielleicht nicht unbedingt ins Haus Rose, aber wenigstens doch ins Baccara, man könnte, sagt er, dort auch nur ein Bier trinken. Wie läuft das Geschäft eigentlich so?, frage ich. Heinz seufzt. Wirtschaftskrise. Samstags und zur CEBIT, da geht es. Sonst nicht so. Tatsächlich ist – nach einschlägigen Internetforen – das Haus Rose nicht unbedingt für seine Extravaganz berühmt. Eher für sein Preis-Leistungsverhältnis. Im Haus Rose, so die Netzexpertenmeinung, kann man schonmal ein Schnäppchen machen. Heinz muss ein wenig reißen, damit das Fenster aufgeht. Draußen regnet es. Es ist kalt, herbstlich. Innen, im Haus Rose ist es warm. Gemütlich beleuchtet. Wollen wir mal runtergehen?, fragt Heinz.
Gleich das erste Schaufenster im Neonlicht
Unten treffen wir Julia. Julia spricht Deutsch, sie ist Deutsche, der Typ Mädchen, junge Frau, die damals lieber mit ihrer besten Freundin auf die Realschule wollte, als es auf dem Gymnasium zu versuchen, jedenfalls erinnert sie mich an jemanden, den ich einmal kannte, die genau das getan hat. Sie sitzt in einem Schaufenster, es gibt eine ganze Reihe davon. Julia hat gleich das erste, wenn man in die Straße mit dem Neonlicht einbiegt. Sie macht das Fenster auf, wenn ein Kunde vorbeikommt. Wenn sie sich über den Preis einig werden, nimmt sie ihn mit hoch. Wenn nicht, oder wenn er komisch ist, dann macht sie das Fenster wieder zu.
Ihre hohen Schuhe, eigenartige Modelle mit wuchtigen Hacken und roter Spitze, hat sei ausgezogen und neben ihren Barhocker gelegt. Hinten auf dem Regal steht ein Teddybär, ein Glücksbringer, vielleicht. Daneben eine Schachtel Schokomüsli. Wenn man sie fragt, ob es ihr gut geht, ob der Job ihr Spaß macht, sagt sie, dass das Arbeitsklima gut ist. Wenn man sie fragt, ob die Frauen sich untereinander Konkurrenz machen, sagt sie: Wir sind alle so unterschiedliche Typen, das passiert nicht. Es kommt darauf an, was die Kunden wollen. Wollen die nicht alle nur junge Frauen? Sie lacht. Nein, sagt sie, die wollen alles Mögliche. Manche wollen ältere, erfahrene Frauen. Die wenigsten wollen junge Frauen, nur manchmal, alte Männer, die fragen direkt danach. Aber das findet Julia eklig.
Und was wollen die Kunden von ihr? Manchmal, sagt sie, käme einer, der wolle sie einfach nur massieren. Manchmal würde sie zum Essen eingeladen. Manchmal abends in ein Hotel, mit Fernsehen, Essen ins Zimmer, ein bisschen Sex, gemütlich einschlafen. Manche wollten einfach nur Nähe, einfach nur umarmen. Manche seien schüchtern und wüssten überhaupt nichts. Manche zögen sich aus, legten sich aufs Bett und wollten einfach nur den Service. Das seien meistens die, bei denen es nur zwei Minuten dauerte. Julia kichert, als sie das sagt. Ist der Job nicht hart? Schon hart, sagt Julia, und zuckt mit den Schultern. Ich bin ja die ganze Zeit Schauspielerin. Die ganze Zeit? Ja, sagt sie, nur manchmal, da ginge es nicht anders, da fiele sie in sich selbst zurück, in die Person, die sie wirklich sei.
Erkenntnis kostet extra
Es regnet immer noch draußen, als wir gehen, durch den Regen, der in der bunten Neonschrift glitzert, und ich verstehe die Männer, so wie Julia sie mir erzählt jedenfalls: Ich verstehe die Leute, die zu ihr, zu einer anderen kommen, weil sie – wie Julia sagt – unkompliziert Druck loswerden müssen. Ich verstehe die, die allein sind und ein bisschen Nähe suchen, und sei sie noch so gespielt. Das Haus Rose ist ein eigenartiger, fast altbackener Ausweg für beide Probleme, aber ich verstehe immerhin die Probleme. Heinz sagt, die Frauen verdienen zwischen 1.000 und 10.000 Euro im Monat, aber ich bin mir nicht sicher, ob es darum geht. Das ist der Punkt an dem Text, an dem ich ein Fazit ziehen müsste, an dem ich sagen müsste: Ich war da, jetzt verstehe ich alles besser. Tue ich aber nicht. Vielleicht kostet das extra.
Sarah und ich, wir haben aber auch das Paradise nicht verstanden, obwohl es heute für mich auch einen anderen Geschmack hat. Auch, als sie vom Tanzen zurückkam, ein wenig verschwitzt von der tropischen Luft, wir einen Gin-Tonic nach dem anderen tranken und beobachteten, wie sich die schwarzen Frauen mit ihren weißen Männern in genau dieselben Ecken zurückzogen wie wir, wie sie sich auf dem roten Plüsch übereinanderstapelten. Sie waren noch da, als wir gingen, hatten sich nicht aus ihren Ecken bewegt, sie waren nur immer lauter geworden. Sarah und ich, wir torkelten aus dem Paradise ins nächste Taxi und überließen es dem Fahrer, einen Weg nach Hause zu finden, und vergaßen dabei kurzzeitig, dass es auf der anderen Seite des Äquators lag.
Anmerkung der Redaktion:
Die Namen wurden geändert.
Fotos: Jan Fischer
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