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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 12:37

Kriegerin (D 2011) - jetzt im Kino!

19.01.2012

Rollende Wellen

Marisa (Akina Levshin) liegt am Ostseestrand. Die Wellen peitschen wie eh und je, doch in ihrem Leben hat sich viel verändert. Die Welt steht Kopf. Das Hakenkreuz-Tattoo auf ihrer Brust ist abgeklebt. Langsam sickert das Blut aus ihrem Körper durch den weißen Stoff. Es ist derselbe Strand, an dem ihr Großvater Franz, ein Altnazi, sie mit einem Rucksack voller Sand entlang der Wellen marschieren ließ und der damals zehnjährigen Marisa zuraunte: »Ein Indianer kennt keinen Schmerz.« Er nannte sie seine »Kriegerin« und man erkennt gleich, wie stark das liebevolle Band zwischen den beiden trotz der eigenartigen Erwartungen von Franz ist. Jetzt, Jahre später, kniet neben ihr die 15-Jährige Svenja, erschrocken, doch gefasst. Auch sie trägt seit Kurzem ein Tattoo, ihr erstes. Eine 88 am unteren Bauch. Sie ließ es sich von Marisa stechen. Von ALEXANDER FUNK

 

Diese beiden Darstellerinnen, Akina Levshin und Jella Haase, nehmen den Zuschauer von Anfang an gefangen. Sie sperren ihn in diesen Film, der so nah von rechtsextremen Pseudo-Kameradschaften erzählt, dass man diesen braunen Gestank zu riechen beginnt. Erschreckend und beeindruckend zugleich ist es, hinter die Kulissen einer Gemeinschaft von jungen Erwachsenen zu blicken, die den Rechtsextremismus als Aushängeschild und Vorwand für Faulheit, Saufgelage und ausufernde Gewalt nehmen. Und dann gibt es natürlich noch die wahren Drahtzieher dieser Szene: ob ein alter Antisemit aus Bayern, der Vorträge hält und Videos von Schafe schlachtenden Juden zeigt, oder Marisas Skinhead-Freund Sandro (Gerdy Zint), der eben erst wieder aus dem Gefängnis gekommen ist.

 

Auf der Haut das Hakenkreuz

Marisas Clique hängt fast täglich an einem Badesee ab. Sie saufen, hören Hasslieder, tragen Mjöllnir-Anhänger und schlagen Ausländer. Jede wertvolle Szene wird mit der Handykamera festgehalten, um sie später auf YouTube zu posten. Kurzerhand werden zwei junge Asylanten vom »eigenen« See vertrieben, die sich jedoch zur Wehr setzen und den Seitenspiegel von Marisas Auto abschlagen. Wutentbrannt und mit dröhnendem Holocaust-Reloaded-Refrain verfolgt sie die Beiden und rammt sie auf ihrem Mofa. Tage später trifft sie einen der beiden Jugendlichen in dem Supermarkt, in dem sie arbeitet, wieder. Hier merkt man Marisa bereits ihre innere Zerrissenheit an. Zwischen Schuldgefühlen und Trotz hilft sie dem jungen Rasul (Sayed Ahmed Wasil Mrowat) etwas zu essen zu bekommen. Dass diese Handlung eine Menge Konsequenzen nach sich ziehen wird, ahnt sie in diesem Moment noch nicht. Denn Rasul will nach Schweden zu seinem Onkel und dafür braucht er Geld.

 

Der Regisseur und Drehbuchautor David Wnendt findet mit seinem Film Kriegerin verschiedene Ansätze, sich diesem brisanten Thema, der Rechte Szene in Deutschland und vor allem in den Neuen Bundesländern, zu nähern. Lange Recherchen und ausgiebige Gespräche mit den Schauspielern haben die Figuren so echt werden lassen, so ambivalent und so greifbar. Aus zwei Richtungen zeigt der Film den Zugang zu diesen Gruppen, die nach außen geschlossen auftreten, doch innerlich jegliche Solidarität vermissen lassen. Einerseits mit Marisa, der Vollblut-Nazibraut, die lange dabei ist. Bei der sich jedoch durch ein zufälliges Ereignis ein Schalter umlegt, woraufhin sie beschließt, die Szene zu verlassen. Andererseits mit Svenja, der 15-Jährigen, die es Zuhause nicht mehr aushält, weil ihr Stiefvater sie erbarmungslos kontrolliert und ihre Mutter nur noch ein »Schatten« ist.

 

Der Film ist eine Gratwanderung geworden zwischen der Brutalität, dem Abstoßenden der Szene und der Faszination für die jugendliche Energie, die in Kriegerin zu genüge offenbart wird. Wenn die Clique durch einen Zug läuft, erst wahllos Passagiere anschreit, einem Jugendlichen seinen Döner ins Gesicht drückt und schließlich ein asiatisches Pärchen zusammenschlägt, fesseln und beängstigen die Bilder zugleich.

 

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