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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 12:37

Interview mit »The Artist«-Regisseur Michel Hazanavicius

26.01.2012

»Es ist die reinste Form eine Geschichte zu erzählen.«

Interview mit dem Regisseur des Stummfilms The Artist, Michel Hazanavicius. Von LIDA BACH

 

Zeigt Dein Film, dass Kino besser ist ohne 3D und CGI?

 

 Nein, das glaube ich nicht. Ich denke 3D und Digitaleffekte habe eine große Zukunft vor sich. Es ist einfach eine andere Ausführungsform. Was wichtig ist, ist der Film selbst.

 

Also hängt alles von der Geschichte ab?

 

Ja, aber es gilt auch nicht: ein Film gegen den anderen.

 

Was war an Stummfilm für Dich so interessant?

 

Die Art, wie er funktioniert. Die Leute denken bei Stummfilm normalerweise an die Filme der großen Clowns; Charlie Chaplin, Buster Keaton, Harold Lloyd, Harry Langdon. Es gab aber viele klassische Filme, die Meisterwerke sind. Murnaus Filme, von Sternbergs Filme, John Fords, Hitchcocks, Fritz Lang, Lubitsch, Tod Browning, Raoul Walsh … Aber die Leute wissen das nicht. Sieht man diesen Film, der in den vier, fünf letzten Jahren der Stummfilmära spielt, ist es interessant zu sehen, wie er funktioniert. Es gibt keinen Ton, keine Farbe. Also kreiert man die Beschaffenheit der Stimmen, kreiert den Ton. Das macht den Film deinen eigen, denn man nimmt an der Geschichte Teil. Aus egoistischer Perspektive, als Regisseur, ist es zudem eine große Herausforderung und großartige Erfahrung. Es geht vollkommen darum, die Geschichte in Bildern zu erzählen und ist sehr elegant. Es ist die reinste Form eine Geschichte zu erzählen. Außerdem wollte ich seit Langem an einem Melodrama arbeiten. Daher war es für mich das perfekte Format.

 

Haben Dich auch moderne Stummfilmer wie Guy Maddins inspiriert?

 

Guy Maddin ist der bekannteste der Leute, die Stummfilme machen. Es ist sehr experimentell, sehr avantgardistisch. Was ich machen wollte, war ein Mainstream-Film. Als wir nach Geldgebern suchten, war es sehr schwierig für die Finanziers, das zu akzeptieren. Aber es war mir vollkommen ernst. Ich wollte keinen experimentellen Film machen. Die modernen Regisseure, die mich inspirierten, sind eher Bong Joon-ho, der koreanische Regisseur, die Coen-Brüder, John Lasseter oder Wes Anderson. Die Sorte Regisseur, die Drama und Komik, Emotionen und Spaß vermischen können.

 

Hattest Du Angst, Stummfilm könnte als Gimmick statt als ernsthafte Erzählform aufgefasst werden?

 

Ich habe eigentlich keine Angst, wenn ich arbeite, denn das ist keine Motivierung. Ich wollte keinen Konzeptfilm oder Gimmick-Film machen, daher habe ich versucht, sehr auf die Story zu achten. Mein Wunsch ist, dass die Leute ins Kino kommen, um einen schwarz-weißen Stummfilm zu sehen, aber wenn sie aus dem Kino kommen, einfach einen Film gesehen haben, mit einer Geschichte und Charakteren. Wenn das der Fall ist, wäre ich sehr glücklich. Die technische Ausführung ist unwichtig. Die Leute wollen keine technische Darbietung sehen, sie wollen Geschichten und Charakteren folgen.

 

Ist die Musik bedeutsamer?

 

Um vieles. Wir nennen das Micky-Mousing. Man folgt allem, was die Charaktere tun. In Tonfilmen kann man Musik einspielen, ausblenden und zurückkommen lassen. Aber das Schwierige hier ist, dass man jedes Mal Musik haben muss, denn wenn keine Musik da ist, herrscht Stille. Sie bedeutet viel mehr. Wenn man den Eindruck von »keine Musik« erwecken will, muss man Musik verwenden, aber diskret. Will man etwas, das wir beim klassischen Filmen Musical-Sequenz nennen, muss man Musik aus der Ära, verwenden. Technisch ist es mehr oder weniger Mickey-Mousing. Das Schwierige ist, wie man damit 90 Minuten umgeht.

 

Dein Film ist sehr »hintergründig«: Er vermittelt viel durch Plakate, Poster, Kinoanzeigen.

 

Das war von Anfang an so. Es war die Spezialität eines der talentiertesten Stummfilmregisseure, Murnau, sehr wenig Zwischentitel zu verwenden.

 

Wolltest du das auch: eine einzige Titelkarte wie bei Murnau?

 

Zuerst fasste ich es als Herausforderung auf. Ich dachte, das ist sehr wichtig, keine Titelkarten. Aber als ich arbeitete, begriff ich, dass es nicht meine Perspektive ist, es ist seine. Tatsächlich finde ich es schön, die Buchstaben. Es gibt viele Zwischentitel, die der Story nicht voranhelfen. Sie sind nur zum Spaß da. Ich wollte nicht zu viele Informationen, aber es machte mir nichts aus, Karten zu haben, auf denen nur Scherze stehen.

 

Denkst du, der Regisseur sollte immer die Zuschauerperspektive neben seiner eigenen bedenken?


Ich habe nicht dieselbe Vorstellung von Kino beim Inszenieren und als Zuschauer. Es ist nicht die gleiche Emotion. Die Art, wie ich Filme mache, ist persönlich. Zum anderen bin ich kein Regisseur, der über andere Regisseure redet, nur einer aus dem Publikum. Was mir wichtig ist, ist, mag ich den Film oder nicht. Ich versuche an die Zuschauer zu denken, aber ich glaube, das Publikum will sich dessen nicht bewusst sein. Es gibt zwei Arten Zuschauer: die Leute im Kino, um die es mir geht, und die anderen im realen Leben. Die sind mir egal. Ich versuche nicht, sie zu verführen. Ich versuche, die Leute im Kino zu verführen.

 

 

Foto: Georges Biard / wikipedia.de Lizenz: cc by-sa 3.0

 

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