Stefan Lüddemann: Blockbuster - Besichtigung eines Ausstellungsformats
09.02.2012
Autopsie eines Phänomens
Stefan Lüddemanns Buch Blockbuster über gleichnamiges Ausstellungsphänomen beschreibt gekonnt sowohl die Hintergründe wie auch die Funktionsweise dieses Typs von Kunstvermittlung. Von CHRISTOPHER FRANZ
In den vergangenen Jahren waren Blockbuster-Ausstellungen oft Gegenstand heißer Diskussionen in der Kunstwelt. Am sichtbarsten bei der mit rund 1,2 Millionen Besuchern – zu Recht – als einmaliges Ereignis bezeichneten Schau Das MoMA in Berlin. Dort prallte das enorm hohe Besucherinteresse, das sich selbst noch durch die unablässige Berichterstattung in den Medien potenzierte, auf den Argwohn der Fachleute, die »Hypes« gegenüber von Natur aus eher kritisch eingestellt sind. Schlange stehen für Kunst? "Dabei sein ist alles" oder "Viel Lärm um Nichts" waren da die Meinungen der Einen, die Anderen feierten eine "Jahrhundertausstellung".
Seither wurde eine Debatte ausgetragen, immer wieder neu entfacht von der nächsten, alle Erwartungen sprengenden Schau, die das Für und Wider solcher Ausstellungen thematisierte. Ohne dabei jedoch wirklich zu einem abschließenden Ergebnis zu kommen. Blockbuster – Besichtigung eines Ausstellungsformats von Stefan Lüddemann, seines Zeichens leitender Kulturredakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung, ist der neueste und umfassendste Beitrag dazu. Sicherlich, auch er wird die Debatte nicht beenden können, seine Studie ist aber sehr wohl dafür geeignet, diese zu entschärfen und zu versachlichen.
Wie aber ist die ablehnende Haltung mancher Kreise gegenüber Blockbustern zu erklären? Im Einzelnen mögen unterschiedliche Beweggründe eine Rolle spielen. Die Skepsis gegenüber einer erfolgreichen Ausstellung und der fehlende Glaube, dass die Schau tatsächlich eine so enorme Zahl an Menschen interessieren könnte, ist ein Allgemeinplatz, den zu artikulieren sich kaum einer traut. Denn Tatsache ist: Als regelmäßiger Museumsbesucher hat man sich daran gewöhnt, meistens mit wenigen anderen – verfolgt durch das argwöhnische und auf Ruhe bedachte Aufsichtspersonal – durch die ehrfurchtsvollen Hallen zu wandeln. Aus dieser Einsamkeit und Stille, nennen wir sie Kontemplation, erwächst die Überzeugung, nur so sei Kunst zu genießen. Grausen überfällt den Kunstliebhaber wenn er an Wochenenden oder schlimmer noch Museumsnächten die Kunst nicht mehr allein für sich hat. Wenn das schon schlimm ist, dann ist der Besuch einer Blockbuster-Ausstellung, mit ihrem sichtbarsten Merkmal, der obligatorischen Besucherschlange vor dem Museum, ein wahrer Super-GAU.
Die fast schon obligatorische Besucherschlange. Hier vor dem Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal anlässlich der Ausstellung »Monet« 2009.
Analyse des Erfolgs
Aber wann wird eigentlich aus einer »nur« sehr gut besuchten Ausstellung ein Blockbuster? Lüddemann definiert es so: Ab einer Besucherzahl von 200 000 Menschen (abhängig natürlich auch von der Laufzeit der Schau), einhergehend mit den Faktoren des umgreifenden und erfolgreichen Marketings sowie der Einbeziehung mannigfaltiger Medien spricht man von einem Blockbuster. Kurzum ein Ereignis, das durch seine Qualität, seinen Seltenheitswert oder seine Einmaligkeit zu einem »Must-See« avanciert, welches ein Publikum weit jenseits der sonst üblichen Besucherschichten anspricht.
An die Einleitung schließt der Autor eine kurze Begriffsdefinition an. Im Folgenden analysiert Lüddemann einige Blockbuster-Ausstellungen der letzten Jahre, z.B. Van Gogh: Felder in Bremen oder Monet in Wuppertal. Dabei beschränkt er sich auf Schauen der bildenden Kunst in deutschen Museen. Ebenso betrachtenswert aber wären hier Events wie die Documenta oder die alljährlichen Landesausstellungen, generell kulturgeschichtliche Präsentationen, gewesen. Auch lässt er die Macher der Ausstellungen zu Wort kommen. Dabei wird jedem der gleiche Fragenkatalog vorgelegt. Die Antworten, das ist somit keine Überraschung, ähneln sich sehr. Überraschend hingegen ist die einhellige Beteuerung mit Erfolg gerechnet, den Blockbuster aber nicht geplant zu haben. Der zweite Teil von Lüddemanns Schrift widmet sich der Analyse des Festgestellten und betrachtet dabei die nötigen Voraussetzungen, die Funktionsmechanismen, die Annahme durch das Publikum und die folgenden möglichen Entwicklungstendenzen und Risiken von Blockbuster-Ausstellungen.
Ein Segen für den Museumsshop. Aber auch notwendig für die Finanzierung einer Blockbuster-Ausstellung
Wir brauchen ihn! Oder etwa nicht?
Um einen Blockbuster zu erschaffen, gehen – wie schon gesagt – mehrere Aspekte ineinander. Zuallererst müssen die auszustellenden Kunstobjekte die nötige Qualität haben, entweder zur Riege der großen Alten Meister gehören oder eben Hauptvertreter der (klassischen) Moderne sein. Mit einer Schau über die Druckgraphik des Informel zum Beispiel, möge sie auch noch so gut gemacht sein, lockt man kein Massenpublikum. Ebenso wichtig ist das richtige Marketing, das in der Lage sein muss, den Wert der Schau über die sonst üblichen Kanäle hinaus in der öffentlichen Wahrnehmung zu verankern. Damit eng verbunden sind die Medien, der dritte Erfolgsfaktor. Sie müssen angesprochen und aktiviert werden. Ihr Zutun ist unerlässlich für die Kreation eines Hypes. Hat der Besucher den Weg ins Museum gefunden, darf er schließlich nicht allein gelassen werden. Hier ist die Kunstvermittlung gefragt, die den Besuch zu einem Erlebnis werden lassen muss. Denn auch die Mund-zu-Mund Propaganda ist ein wichtiger Baustein des Erfolgs.
Man könnte nun den Eindruck gewinnen, dass bei Erfüllung der oben genannten Bedingungen der Erfolg garantiert wäre. Dem ist jedoch leider nicht so. Denn nicht jedes Museum kann sich einen Blockbuster leisten. Maßgeblich dafür ist mal wieder das liebe Geld. Und dieses Risiko nennt Lüddemann, neben potentieller Gefahren für die Kunstwerke durch Transport und Aufstellung in vollen Räumen, auch beim Namen. Die Geldgeber, Kulturpolitiker und Sponsoren könnten den Eindruck gewinnen, Erfolg nur an Besucherzahlen zu messen, im Umkehrschluss nur erfolgversprechende Schauen fördern und damit das Grundgerüst der Ausstellungstätigkeit, aus dem die Blockbuster als Glanzlichter herausstechen, ins Wanken bringen.
Was ist nun das Fazit aus der Lektüre von Lüddemanns Arbeit? In der Debatte geht es nicht um die Qualität der Ausstellungen, denn diese ist durchweg hoch. Auch nicht ihre Funktion als Besuchermagnet ist kritikwürdig. Es ist nämlich nichts Schlimmes daran, wenn mehr Personen als üblich ein Museum besuchen. Museen dürfen sehr wohl erfolgreich sein! Sie verdeutlicht, dass die unterschiedlichen Ansprüche, auf der einen Seite die der Connaisseurs, auf der anderen die der Kunstkonsumenten, nicht vereinbar sind – und sein werden.
Deshalb versucht Lüddemann mit seinem kleinen Büchlein, laut Rückentext übrigens die erste tiefergehende Analyse des Phänomens, um Akzeptanz zu werben. Und deshalb ist dieser Blick hinter die Fassade von Blockbustern (nicht nur) jedem überzeugten Kritiker ans Herz zu legen.
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