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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 12:42

Deponia

31.01.2012

Materieller Spam als Kunstform

Kennt das nicht irgendwie jeder: Man wird erwachsen und will aus diesem einen Kaff raus, in dem man aufgewachsen ist – der täglichen Tristesse entkommen und endlich die Welt sehen. Noch verständlicher wird dieser Gedanke, wenn man wie Rufus auf einem Müll-Planeten aufgewachsen ist. »Deponia« heißt der Himmelskörper, dessen Oberfläche vollständig von Abfall und Schrott bedeckt ist, und der gleichzeitig namensgebend für das neue Spiel aus der Adventure-Schmiede Daedalic ist. Rufus ist der … naja, sagen wir mal Held … dieses neuen Abenteuers, das vor interessantem Müll nur so strotzt. Und mittendrin ist ALEXANDER FUNK

 

Aus dem Müll in den Abfall

Die Geschichte beginnt in Rufus‘ Haus. Nein Moment, das ist das Haus seiner Exfreundin Toni, die ihn aus unverständlichen Gründen noch immer bei sich wohnen lässt, ihn durchfüttert, ihn nervt, von ihm genervt ist, Beruhigungsmittel einschmeißt und ständig raucht. Rufus hat etwas Großes vor: Er will von Deponia verschwinden. Hinter Tonis Haus ist sein »Fluchtapparat« bereits aufgebaut und bedarf nur noch kleiner Modifikationen, damit der Koffer rein passt. Auch wenn das nicht sein erster Fluchtversuch ins Elysium, das chillige Himmelsreich, ist, so ist er doch absolut sicher, dass es diesmal klappt. Er hat einen guten Plan. Es läuft zwar nicht alles glatt, doch Rufus ist ein Improvisationskünstler. Und schließlich findet man auf dem Müllplaneten überall interessante und wichtige Dinge, die man gebrauchen kann, um seinen Plan in die Tat umzusetzen.

 

So passiert es tatsächlich, dass Rufus mit einer Kapsel, die an einer Rakete befestigt ist, in die Luft abhebt. Ein Magnet haftet sich an den Organon-Express, der über Rufus’ Heimatkaff Kuvaq dahinrast und mit dem er nach Elysium gelangen will. Hier kommt jedoch alles anders als geplant. Er sieht sich plötzlich in der Verpflichtung, ein elysianisches Mädchen namens Goal vor Organon-Bösewichten zu retten. Doch natürlich geht alles schief, und so landen beide in Rufus’ Heimatdorf. Die Bewohner von Kuvaq sind aufgeregt, denn laut Bürgermeister soll einer von ihnen Goal bei sich aufnehmen. Rufus findet aber, das die bewusstlose »elysianische Himmelselfe« zu ihm gehört, da er sie gerettet hat. Hier verknüpft die Geschichte die beiden Figuren, die das gleiche Ziel haben, nämlich Deponia hinter sich zu lassen, miteinander. Ganz offensichtlich wird es vor allem durch Goals Namen, der im englischen »Ziel« bedeutet und als Begriff für das zu erreichende Ziel in einem Spiel gebraucht wird.

 

Rufus: »Sie ist bewusstlos? Was fehlt ihr denn?« Gizmo: »Das Bewusstsein, offenbar.«

Mit Rufus ist Daedalic einmal mehr eine Figur geglückt, die amüsante Ecken und Kanten hat. Er ist ein fauler, arbeitsloser und egoistischer Bastler. Seine Mitmenschen sind ihm eigentlich egal und sein größtes Ziel ist es, von Deponia zu verschwinden. Er will ins Elysium, um dort ein sorgenfreies Leben zu führen – was er ja eigentlich schon auf Deponia hat – nur ohne Müll. Er ist eine Figur, die trotz ihres unsympathischen Charakters viel Witz und Charme mitbringt. Er ist einfach eine coole Socke, hat ständig einen (un)passenden, flapsigen Spruch auf den Lippen und leidet an völliger Selbstüberschätzung. Oder wie Rufus es sagen würde: Es leiden die anderen darunter. Doch nicht nur mit Rufus beweisen die Entwickler ihr Gespür für ausgereifte und detaillierte Charaktere. Auch die anderen Bewohner des Dorfes wie Toni und der Doktor/Polizist/Feuerwehrmann Gizmo sind so einzigartig in ihrer Art und ihrem Aussehen, dass es leicht fällt, sich der Geschichte hinzugeben.


Dazu trägt aber auch der schräge Humor von Deponia bei, der nicht nur in den Dialogen und der liebevoll gemalten 2D-Welt, sondern auch in der Musik und den Klängen zum Ausdruck kommt. Die gesamte Inszenierung ist voll von Slapstick-Einlagen und dank toll eingesprochener Dialoge auch voll von Sprachwitz. Außerdem ist dieses Spiel eine Metapher für das gesamte Adventure-Genre, das den Spieler bei jedem Spiel dazu bringt, haufenweise Müll aufzusammeln. Daedalic machen mit Deponia das Unausgesprochene zu einem Augenzwinkern.

 

Laufen, nachdenken, klicken, kombinieren – das sind die Grundbestandteile eines Point-and-Click-Adventures, die Daedalic so gut beherrscht, wie zurzeit kaum eine andere Entwicklerfirma. Sie stehen mit ihrem neusten Werk ganz in der Tradition der klassischen LucasArts-Adventures. Dennoch ruhen sie sich nicht auf den alten Tugenden aus, sondern schaffen es, dieses Genre mit ihren Spielen immer weiter zu verfeinern und zu variieren. Mit dem Müllplaneten Deponia haben die Macher eine Welt erschaffen, die nicht nur traumhaft aussieht und witzig in Szene gesetzt ist. Sie hinterfragt auch die Handlungen unserer eigenen Welt und hält uns einen wunderschönen, dreckigen, zerbrochenen Spiegel vor, ohne auch nur ansatzweise aufdringlich zu sein.

 

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