Es ist das Endspiel der Väter, das in Dietrich Hilsdorfs Wiesbadener Verdi-Inszenierung den Opernschluss markiert. Als Requisiten gibt es dabei auf der (vorher auch opulenteren) Bühne nur noch einen langen Tisch und ein paar Stühle (Bühnenbild: Dieter Richter). Die beiden alten Männer umschleichen sich oder sitzen einander gegenüber in elementarer, ja kreatürlicher Feindseligkeit. Zugleich denkt man an Ibsens berühmtes Stichwort »Lebenslüge«. An der Schwelle des Todes schleppen die Alten – Fiesco, der Greis an zwei Stöcken; Simon, der durch einen Gifttrank von Minute zu Minute Alternde, Vergreisende, Vergehende – ihre »Lebenslügen« mit sich und konfrontieren den Gegner damit: Ehre, Rache, Frieden, Vergebung. Irrtümer und Gegensätze einer profund absurden conditio humana.
Doppelte Väter-Leiden, Väter-Illusionen ergeben hier gleichsam eine potenzierte Verdi-Emotionalität. In der düster grundierten Musik schwingt aber auch einige nihilistische Vanitas-Vorahnung aus der Jago-Sphäre des späteren Otello mit. Wenn Fiesco seinen altertümlichen Umhang ablegt und im »Zivil« des späten 19. Jahrhunderts (also der Entstehungszeit der Zweitfassung, die auch in Wiesbaden gewählt wurde) dasteht, wird die Gefühlspräsenz sozusagen um eine Stufe angehoben – und die Ibsen-Assoziation bekräftigt. Hilsdorf und seine Kostümbildnerin Renate Schmitzer handhaben solche dramaturgischen Hinweise unaufdringlich und souverän.
Das Kammerspiel der Väter gelingt in dieser Inszenierung besonders eindrucksvoll – auch dank zweier konzentrierter Sängerdarsteller mit fast überdimensionaler Vokalausstrahlung. Luciano Batinic – ein bassgewaltiger Fiesco, der mit knappen schauspielerischen Mitteln Autoritätsräume um sich schafft. Nicht minder respektgebietend setzt der Bariton Kiril Manolov in der Titelrolle seine Körpersprache und das Organ eines wahren Hünen ein, der freilich auch und gerade mit seinen Anwandlungen von Zärtlichkeit, seinen ständigen Bekundungen von Versöhnungsbereitschaft und Gewaltverzicht, Anteilnahme erregt.
Hilsdorf wäre nicht einer der großen Opernszeniker der deutschen Bühne, wenn er nicht alle weiteren Aspekte des komplexen Handlungsgefüges plausibel und psychologisch feinnervig realisierte – er tut das diesmal übrigens auf eher unspektakuläre, die konservative Opernoptik nicht allzu auffällig konterkarierende Weise. Allerdings ist die Sorgfalt der Personenregie eine den Aufführungsdurchschnitt weit überflügelnde Qualität. Das wird bereits in dem szenischen Prolog deutlich, den Hilsdorf vor geschlossenem Vorhang (nur eine kleine Tür nach hinten ist geöffnet und lässt die zeitgleichen Turbulenzen eines Todesfalles und einer Dogenwahl erahnen) mit präzis kalkulierten minimalistischen Aktionen spielen lässt. Während dieser 25 Minuten einer dramaturgisch im Grunde ziemlich »normalen« Werk-Initiation (mit einer besonders beredten, suggestiven, »entführenden« Musik) bleibt das Saallicht an – das und die anschließende allzu früh platzierte erste Pause erscheinen doch als ein wenig allzu kapriziöse Inszenierungs-Ingredienzien.
Beträchtliche sängerische Formate gab es auch beim Liebespaar: mit der etwas kühl timbrierten, aber höhensicheren und im Ensemble alle überstrahlenden Sopranistin Tatjana Plotnikova und dem lebhaften, seine Hin- und Hergerissenheit glaubwürdig verkörpernden, zudem stimmlich ungemein evokativen und disziplinierten chilenischen Tenor Felipe Rojas Velozo. Am Dirigentenpult zeigte der Wiesbadener Generalmusikdirektor Marc Piollet (zusammen mit den hervorragenden Chor- und Orchester-Kollektiven), dass Verdis vielleicht abgründigste Oper am besten ohne forciertes Brio, mit Ruhe und Umsicht und dadurch nur umso größerer Steigerungfsfähigkeit, ihr dramatisches Potential ausschöpfen lässt. Eine sehens- und hörenswerte Verdi-Aufführung!
Foto: Kaufhold