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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 12:52

Malin Schwerdtfeger: Café Saratoga

19.02.2004

"In meinen Geschichten wird sehr viel gestunken!"

Im Gespräch mit Malin Schwerdtfeger über ihren ersten Roman Café Saratoga. Von MATHIAS TRETTER

 

Eine Freundin aus Krakau erzählte mir einmal von ihren Sommerferien auf einer Halbinsel in der Danziger Bucht, damals in den seltsamen Achtzigern.
Zelten seien sie und ihre Brüder dort gewesen, jedes Jahr, wie im übrigen ein guter Teil der restlichen polnischen Jugend. Und mit einem abwesenden Lächeln sagte sie den Titel eines Schlagers vor sich hin, den damals in Polen jeder kannte: "Chalupy, welcome to."

Chalupy ist der bekannteste Ort auf Hel, jener kuriosen Nehrung, die so schmal ist, daß sie zuweilen in der Ostsee verschwindet. Dort, mitten in der polnisch-kaschubischen Küstenregion, wo 1939 der Zweite Weltkrieg begann, steht in den Zeiten des Kriegsrechts das Café Saratoga; ein heruntergekommener Laden, direkt an der Kaperska, der Hauptstraße von Hel, die alle paar Kilometer ihren Namen wechselt. Durch Kuznica, Jastarnia und Jurata fährt man zwischen Bahngeleisen auf der einen und Hagebuttenhecken auf der anderen Seite, vorbei am Umspannwerk "Energa" und dem Stacheldrahtzaun des Militärgeländes, bis zur Spitze der Insel. Das kleine weiße Giebelhaus mit der wellblechüberdachten Terrasse, irgendwo zwischen den anderen Cafés, Kiosken und Fischbars, ist es. Chalupy, welcome to!

Man sollte sich von der genauen Geographie nicht täuschen lassen. Was in Malin Schwerdtfegers erstem Roman Café Saratoga derart detailgetreu beschrieben wird, ist kein realer, sondern ein poetischer Raum. Polen mag wirklich so gewesen sein, Hel, der Sommer, die Fähren nach Danzig. Doch die Möglichkeit des Realismus entfällt, noch bevor man überhaupt daran gedacht hat. Einer westdeutschen Autorin am Ende der Neunziger müssen die Gegenden, die hinter dem Eisernen Vorhang lagen, zwangsläufig Fiktionen sein.
Die Frage nach der Wirklichkeit hat sich für Malin Schwerdtfeger ohnehin nicht gestellt; entstehen doch Erzählungen immer nur aus anderen Erzählungen, Literatur aus Literatur. "Atlantis" nennt sie im Gespräch die Insel Hel, ein Märchen ihrer Jugend, das eben deshalb erzählt werden mußte, weil "man dort nicht hin konnte". So kannte sie Hel und Polen allein aus den Geschichten ihrer polnischen Freundin, die in den achtziger Jahren mit ihrer Familie als Aussiedlerin nach Deutschland gekommen war. Die Realität, aus der sich ihr realistischer Roman entwickelt hat, war also immer schon eine textuelle.

Daß solch angesagte Ästhetik sich einmal nicht derridadaistisch durchweht gibt, sondern ganz unprätentiös daherkommt, macht sie nur sympathischer: "Zu gut recherchierte Bücher nerven." Punkt. Gleichzeitig möchte Malin Schwerdtfeger "so schreiben, wie gesprochen wird."

Zentrum dieses oralen Schreibprogramms sind die Figuren, die Ausgangspunkte jedes ihrer Texte. Deren Realitäten beschäftigen die Autorin. Ob in ihrem Islamistik/Judaistik-Studium oder ihrer Literatur - was sie interessiere, seien immer wieder die Welten, die sich Menschen erschaffen.

Schon im zuerst erschienenen Erzählband Leichte Mädchen stehen daher die Lebensentwürfe der Protagonisten im Mittelpunkt, die Wirklichkeitsmodelle an Stelle der Wirklichkeit. Die Perspektiven sind verschoben, aber schlüssig: Für die alternative Travelmutti aus der wunderbaren Erzählung "Mein erster Achttausender" ist die Yak-Butter so selbstverständlich wie für andere Cornflakes. Beides ist nicht normal, wie letztlich nichts normal ist.
Überdeutlich wird der Perspektivismus an Tata, der alles beherrschenden Figur in Café Saratoga. Seine hanebüchene Lebensphilosophie, ein mit genetischen, sozialdarwinistischen und mythologischen Trivialitäten gesättigter Vitalismus, bildet den diskursiven Rahmen der Initiation, an der sich die Ich-Erzählerin Sonja abarbeitet. Tata, der kleine Weise mit dem schwarzem Schwanz, ist zugleich Vater und Satyr, Mann und Frau, Polen und Hel und die große Verheißung "Bundes"(republik). Er weiß, wo es langgeht im Leben der Töchter, d.h. in Sonjas und Majkas Biologie. Unablässig die Hand auf ihren wachsenden Brüsten, würde er mitmenstruieren, wenn er könnte. Kein Wunder also, daß Sonja noch in der Pubertät ins Bett näßt.

Wie der Verlag und ein Teil der Kritik darauf verfallen ist, man müsse ausgerechnet diese Figur lieben, bleibt ein Rätsel. Tata mag seine originellen Momente haben; daß er seine Tochter betatscht und ihr auch mal eine Wodka-Flasche im Gesicht zertrümmert, gehört nicht dazu. Malin Schwerdtfeger, deren großes Anliegen die Liebe zu allen ihren Charakteren ist, gesteht selbst, daß der brachiale Vater ihr mit zunehmendem Abstand auf die Nerven falle.
Gleichzeitig ist Tata ihre exemplarischste Figur, nachgerade die Verkörperung ihrer Ästhetik. Denn was neben der Intensität der Atmosphäre sofort ins Auge bzw. in Ohr und Nase sticht, ist die Sinnlichkeit ihrer Texte. Nicht wie jemand denkt, konstituiert für Malin Schwerdtfeger eine Figur, sondern wie er riecht und schmeckt und aussieht: "In meinen Geschichten wird sehr viel gestunken."

Obgleich Tatas Ausdünstungen die schärfsten sind, ist es doch der Geruch der Frauen, der den Roman charakterisiert. Schließlich kann auch die Autorin selbst ihrer fixierten Perspektive nicht entgehen. Und die ist weiblich - und "archaisch", wie sie hinzufügt. Ihr gehe es vor allem um die noch immer tabuisierte Tatsache, daß Aufwachsen mit dem Wachsen in Geschlechterrollen gleichzusetzen sei.
Folgerichtig bedeutet in Café Saratoga Initiation Menstruation, Erwachsenwerden Frau werden. Die anthropologischen Konstanten, von denen erzählt wird, Liebe, Abschied, Krankheit und Tod, schreiben sich ein in den - weiblichen - Körper. Doch selbst hier ist Tatas Präsenz entscheidend. So entwickelt sich Majka deshalb früh, weil sie sich seiner vitalistischen Sorge verweigert; die ihm verfallene Sonja dagegen leidet unter Blasenschwäche und dem Ausbleiben ihrer ersten Regel; seine Frau, die Mutter und "Sekretärin", die sich immerhin hat scheiden lassen, ist praktisch im Klimakterium, seit sie ihn kennt.
In einer Art Kadavergehorsam, die wirklich nur Frauen verständlich sein mag, folgen schließlich alle drei dem geliebten Peiniger ins Land der Mercedes' und Gardena-Gartenscheren. Inzwischen menstruiert auch Sonja. Glücklich wird sie in Bremen trotzdem nicht.

Mit der Initiationsgeschichte von Café Saratoga, der Erzählung vom geographischen, sozialen und sexuellen Aussiedeln aus der Kindheit, ist der Autorin ein Erstling gelungen, der zum Wohlstandsgenöle der jungen deutschen Poplangweiler einen hoffnungsvollen Kontrapunkt setzt. Allein mit seiner brutalen, zuweilen schwer erträglichen Archaik fegt das Leben ihrer Figuren den leblosen Lifestyle hinweg. Daß Polen dabei eine zentrale Rolle spielt, scheint kein Zufall. Die polnische Freundin jedenfalls, von der am Anfang die Rede war, fühlte sich erinnert. Auch ihr Tata erniedrigte und beleidigte - und wurde geliebt.
Auf die abschließende Frage nach neuen Projekten weiß Malin Schwerdtfeger noch keine Antwort. Nur eines: Die Themen Tata, Polen, Pubertät seien vorerst abgeschlossen. Bleibt zu hoffen, daß sich der Geruch ihrer Texte trotzdem bewahrt.

 

 

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