Eine dramatisch und betörend sinnlich inszenierte, wilde und packende Geschichte verspricht dem Leser der Klappentext – vollmundige Attribute, die ohne weiteres eingehalten werden. Denn das Schicksal setzt der Protagonistin des Werks, der jungen Yukie, immer noch einen drauf. Kein Wunder, entstammt sie doch einer der ärmsten Provinzen Japans, die permanent den Launen des Shinanogawa ausgeliefert ist – dem Unglücksstrom, der die Liebe hasst, wie es heißt. Und mit seinem mäandernden Verlauf die Geschicke der Region und die seiner Bewohner zu lenken scheint.
Sex und Gewalt
Yukie, die ohne ihre Mutter aufgewachsen ist, schart bereits in jungen Jahren einen Verehrer nach dem anderen um sich; die Geschichte von Yukies Jugend ist vornehmlich eine Liebesgeschichte. Diese ist zwar durchaus (und aufgrund von Yukies Sprunghaftigkeit beim Umgang mit Männern sogar immer wieder) romantisch, aber auch gleichermaßen tragisch und verstörend. Denn offensichtlich scheint es ein erklärtes Ziel des Autors zu sein, Tabus zu brechen. Die Erzählung wird durch Ehebruch, Sex mit Minderjährigen (und, herrje, Sex mit minderjährigen Schutzbefohlenen) sowie Anspielungen auf Inzest konstruiert, garniert mit einem Hauch Religionskritik. Dazwischen wird ausgiebig vergewaltigt, gemordet und gebrandschatzt.
Während ihr Vater seine homosexuellen Neigungen auslebt, bekommt Yukie zwischen zwei Liebschaften von ihrer verbitterten Mutter beiläufig die Erkenntnis vermittelt, dass Frauen lediglich geboren werden, um zu lieben. Nach dem Tod ihrer Mutter, der die beiden Figuren miteinander versöhnt, pflegt Yukie eine Affäre mit einem Mönch. Als dieser ihr später einzuschärfen versucht, doch mal nach dem rechten zu sehen, da höchstwahrscheinlich ihr Elternhaus in Flammen steht, entgegnet sie nur: „Soll doch untergehen, was zum Untergang bestimmt ist“, um gleichzeitig an ihm, zum Zweck des Oralverkehrs, herunterzugehen. Danach: Ganz klar, Close-up vom Gesicht der Actress nach dem Cumshot.
Nun könnte man den Eindruck gewinnen, dass neben der geballten Ladung an Sexploitation und Provokation die Dramaturgie auf der Strecke bleibt. Doch die Allianz von Hideo Okazaki und Kazuo Kamimura ist geglückt. Okazaki versteht es durchaus, die im Grunde eher banale Geschichte in ein poetisches Gewand zu kleiden, sei es durch sporadisches Einstreuen japanischer Folklore oder durch den Einsatz simpler Wiederholungen, um Eindrücke des Lesers in ihrer Wirkung zu verstärken oder erst entstehen zu lassen. Vorrangig ist es jedoch Kamimura, der vor allem als Zeichner von Lady Snowblood bekannt sein dürfte, der den einfach gestrickten Plot mit einem unnachahmlichen, ausgesprochen expressiven Pinselstrich adelt. Unglaublich, wie virtuos hier naturalistische Bildkompositionen, surreale Passagen und infernalische Szenarien zu einem wahren Bilderrausch zusammengefügt werden. Dass der Einsatz von Bildersprache dabei hin und wieder allzu opulent umher kommt, wenn zum Beispiel die Liebe nicht nur Blumen erblühen, sondern buchstäblich regnen lässt, tut der Sache, sprich: der betörenden Optik, kaum einen Abbruch.
The Girl Who Wasn´t There
Bei der dargebotenen Bildgewalt, den historischen Details und wohl vor allem aufgrund der Schicksale der Nebenfiguren, die Yukies Weg in hohem Maße prädestinieren, gerät die Hauptfigur selbst eher in den Hintergrund der Erzählung. Yukies oftmals traurige, bisweilen bittere Geschichte lässt einen merkwürdig kalt. Man fühlt sich ein wenig an den Coen-Film The Man Who Wasn´t There erinnert, wo es einen zuletzt ziemlich unberührt lässt, dass Billy Bob Thornton als Ed Crane schließlich hingerichtet wird, obwohl er einen durch knappe zwei Stunden Film geführt hat, ohne dabei Langeweile aufkommen zu lassen. Trotzdem darf man gespannt sein, was das Schicksal noch alles für Yukie bereithält und wohin ihr Weg sie schließlich führt. Der zweite Band, der das Werk übrigens zum Abschluss bringt, erscheint glücklicherweise bereits im September.