Das aktuelle Album der klassischen, sowohl im Wissenschafts- wie auch im Abenteuermilieu angesiedelten Krimiserie beginnt mit einem mysteriösen Artefakt. Gefunden wurde es im ewigen Eis der Antarktis. Wie es dort hinkam, ist zunächst rätselhaft. Sicher ist jedoch, dass dies vor langer Zeit geschehen sein muss. Das Alter des Objekts wird auf unglaubliche 350 Millionen Jahre geschätzt! Die Nachforschungen Professor Mortimers ergeben, dass das Objekt in enger Verbindung mit weiteren Relikten in Afrika steht. Sein Forscherdrang ist somit geweckt und selbstverständlich will er der Spur sofort nachgehen. Captain Blake kann ihn jedoch nicht begleiten. So muss die Geschichte über weite Strecken leider ohne den zweiten Hauptcharakter der Serie auskommen. Gefüllt wird diese schmerzliche Lücke durch die ehemalige Jugendliebe des Professors sowie durch seine entzückende Assistentin als weitere Teilnehmer der Expedition. Und auch ihr immer wiederkehrender Erzfeind Colonel Olrik ist anscheinend an der Lüftung des Geheimnisses um das Artefakt interessiert.
Zeichnungen mit Tradition
Die Grundkonstellation der Geschichte ist altbekannt und altbewährt, jedoch niemals langweilig. Und das Finale, zu dem alle Protagonisten wieder vereint werden, wartet gleich mit zwei Überraschungen auf. Das Heiligtum von Gondwana ist schon das sechste Album – und das vierte des Duos Sente und Julliard – mit Geschichten der Männerfreunde Blake und Mortimer, das nach dem Tod ihres Schöpfers E.P. Jacobs im Jahr 1987 erscheint. Erfreulich ist, dass all diese Geschichten den hohen zeichnerischen und erzählerischen Maßstäben von Jacobs, der sein Handwerk im Studio Hergé erlernte, gerecht werden. Ebenso erfreulich ist, dass es die beiden Verfasser des vorliegenden Bandes, selbst Meister ihres Faches, verstehen, sich dem überlieferten Stil der Serie anzupassen. So wird deren Charakter, der heute in manchen Punkten nicht mehr auf der Höhe der Zeit zu sein scheint, konserviert.
Da wären zum einen die traditionell kleinformatigen, detaillierten und äußerst textlastigen Panels, die ein dichtes Gesamtbild entstehen lassen. Zum anderen der Stil der Zeichnungen, die in ihrer Klarheit – man möchte fast von Kühle sprechen – und noch gesteigert durch die affektierte Sprache der Protagonisten, die Lebenswelt des britischen Establishments aufs Vorzüglichste illustrieren. Eingebettet in den Zeitkontext der fünfziger Jahre wird so eine Geschichte erzählt, deren Handlung linear und konsequent erschlossen wird und die glücklicherweise ohne die heutzutage üblichen effekthascherischen Elemente auszukommen vermag.
Phantasien der Innovation
Diese feste Verankerung in den Alltag der Fünfziger lässt so manche Wendung der Alben um so befremdlicher erscheinen. Mit Verwunderung begleitet man die Abenteuer der beiden Helden, wenn phantastische oder eigentlich vollkommen unmögliche Momente in diese Welt einbrechen. Seien es nun das sagenhafte Atlantis, die Möglichkeit der Zeitreise oder – wie im aktuellen Album – die vermeintliche Existenz einer intelligenten Zivilisation auf der Erde vor 350 Millionen Jahren, dem Zeitalter des Karbon, in dem sich nach heutigem Wissensstand erst langsam die ersten Landtiere auf dem Urkontinent, der dem Album seinen Namen gibt, entwickelten. Gerade diese Verquickung des Realen mit dem eigentlich Unvorstellbaren ist fester Bestandteil des Erfolgs der ganzen Serie. In diesen Aspekten spiegeln sich die Motive des Fortschrittsglaubens und der Technikbegeisterung dieser Zeit. Die Autoren spielen mit diesen Motiven, konterkarieren sie sogar, wie die vorliegende Geschichte beweist. Diese utopiefreundliche Zeit ist uns heute, knapp ein halbes Jahrhundert später, vollkommen fremd, die negativen Folgen einer steten Entwicklung technischer sowie wissenschaftlicher Errungenschaften sind offenkundig. Gerade deswegen ist das Vermögen der beiden Autoren, diese Aspekte einzufangen und zu illustrieren, besonders bemerkenswert.