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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 12:55

Manu Larcenet: Gewissheiten

17.09.2009

Knollennase Marcos Lehrjahre

Mit Gewissheiten ist der vierte und letzte Teil von Manu Larcenets wunderbarer Comicserie Der alltägliche Kampf erschienen. Höchste Zeit, diese vier schmalen Bände voller lässiger Melancholie und poetischem Witz allen ans Herz zu legen, die keine Vorurteile über Männer mit Knollennasen haben. Von ALEXANDER FRANK

 

Die Gesichtsgurke hat ja im Comic eine ähnliche Funktion wie das „Es-war-einmal“ im Märchen: Sie ist ein Signal für den Leser, welche Art von Geschichte er zu erwarten hat. Riesenrüben-Comics werden oft auch Funnys genannt – eine Bezeichnung, die für Larcenets kleines Epos aber kaum angemessen wäre. Eher schon müsste man dafür den „Depressy“ als eigenes Genre aufmachen. Aber keine Angst: Hier fließt nicht nur schwarze Galle, und Marco, dessen Leben wir über einige Jahre verfolgen dürfen, wächst immer mehr dem Licht entgegen – wobei seine Nase auch tatsächlich immer kleiner und kompakter wird.

Marco ist Fotograph, zu Beginn der Handlung schmeißt er seinen Job, bricht seine langjährige Psychoanalyse ab und verliert sich in Selbstmitleid. Immer wieder wird er von Angstattacken heimgesucht, die er mit Psychopharmaka versucht in Zaum zu halten. Sein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater gerät völlig aus den Fugen, als dieser ihm eröffnet, dass er unter Alzheimer leidet. Ein freundlicher Nachbar, der sich als Kandidat für einen Ersatz-Vater zu entwickeln scheint, entpuppt sich als Kriegsverbrecher aus dem Algerienkrieg. Dass Marco nicht völlig untergeht, verdankt er vor allem zwei Frauen: der Tierärztin Emilie, für die er seine Bindungsscheu überwindet, und Maude, ihrer gemeinsamen Tochter, für die er die für ihn so problematische Vaterrolle annehmen muss.

Die kleine Dosis Glück

Nun sieht dies alles nach einem Entwicklungsroman aus, der glücklich im warmen Schoß der familiären Idylle endet. Zum Teil trifft das auch zu, und Larcenet nutzt die Knollennasentarnung, um eine solche Geschichte ohne ironischen Überzug, wie er bei einem Roman kaum zu vermeiden wäre, aber dennoch unsentimental zu erzählen. Trotzdem geht es hier nicht um eine biedermeierliche Apologie des Eskapismus. Auch die Familie ist nur ein weiterer Schauplatz des alltäglichen Kampfes, der immer wieder um die kleine Dosis Glück geführt werden muss, die man zum Durchhalten braucht. Ein anderer Schauplatz ist die Kunst – Marco versucht mit Porträts von Werftarbeitern seinen eigenen Ausdruck zu finden. Aber auch die Politik wirft ihren Schatten ins Private, am Ende des vierten Bandes in der Gestalt des frisch gewählten Sarkozy.

Nach dem Selbstmord seines Vaters findet Marco in dessen Nachlass ein Tagebuch, das ausschließlich Einträge enthält, die ihm belanglos erscheinen und ihn empören, da der Vater seine beiden Söhne mit keinem Wort erwähnt: „18. Februar 1998 – Schwalben nisten im Schuppen. Unbedingt Tür offen lassen“. Einige Jahre – und einen Band – später, berichtet Marco Emilie entsetzt von einer Meldung, dass die Schwalbenpopulation in zwanzig Jahren um mehr als 70 Prozent zurückgegangen sei. Die Vorstellung, dass es keine Schwalben mehr geben könnte, wenn ihre Tochter groß ist, erscheint ihm unerträglich. Das vorletzte Bild am Ende der Geschichte zeigt eine Ansammlung von Schwalben, auf Stromleitungen aufgereiht, die Maude bei einem Picknick entdeckt. So geschickt und wie beiläufig versöhnt Larcenet Sohn und Vater. Und er bringt damit die Perspektive auf den Punkt, mit der sich der alltägliche Kampf bestehen lässt: Auch wenn eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, für den Augenblick muss sie genügen.

Der abscheuliche Fleischer

Nach all dem Gerede über Knollennasen muss noch betont werden, dass Manu Larcenet über eine große Bandbreite an zeichnerischen Mitteln verfügt und sie sehr präzise einsetzt. Die Hintergründe der Panels können leere Flächen bleiben, wenn es nichts zu zeigen gibt, immer wieder sind aber Details und Panoramen fein ausgearbeitet. Besonders gelungen ist die Farbgebung, die er seinem Bruder Patrice Larcenet überlassen hat, der die ganze Palette von knalligen Akzenten bis hin zu dunklen Sepia- und Grautönen ausschöpft und sich so eine eigenständige Ausdrucksebene schafft. Zwischen den Episoden gibt es immer wieder einzelne Seiten, in denen ein kleiner Reflexionsmonolog von Marco wiedergegeben wird, immer auf acht Panels verteilt. Unter dem Text befinden sich Zeichnungen, die mit ihm manchmal nur entfernt oder auch scheinbar gar nichts zu tun haben, meist Detailansichten von Gegenständen oder Porträts unbekannter Personen. Einer dieser Monolge, zum Verhältnis von Künstler und Werk, endet mit den Worten: „Mein Fleischer ist ein abscheulicher Kerl, aber sein getrockneter Schinken ist pure Glückseligkeit... Die Kunst und die Schlachterei...“. Dennoch: Es fällt schwer, sich Manu Larcenet als abscheulichen Kerl vorzustellen.

Die vier Bände von Der alltägliche Kampf sollten in jedem gut sortiertem Comicregal zwischen den Monsieur-Jean-Bänden von Dupuy/Berberian und Approximate Continuum Comics von Lewis Trondheim stehen. Haushalte, die über kein Comicregal verfügen, sollten sie als Anlass nehmen, ein solches zu eröffnen.

 

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