Die Sterne stehen schlecht für den jungen Scrubby Jobson, als er gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit seiner Familie vom idyllischen Dartmoor ins düstere London umsiedeln muss (vgl. die „Titel-Magazin“-Rezension vom 21. Mai). Seither jagt ein Schicksalsschlag den nächsten. Vater Thomas Jobson, der bei einer Demonstration niedergeschossen wird, ist noch nicht einmal unter der Erde, als Scrubbys Mutter Betty ins Wasser geht. All dies erzählt Pierre Dubois auf den ersten vier Seiten. Zum Trauern bleibt da keine Zeit. Denn das Szenario versagt Protagonisten und Lesern jegliche Verschnaufpause. Um nach dem Tod seiner Eltern wenigstens sich und seine ältere Schwester Sheila über Wasser zu halten, tritt Scrubby auf Anraten eines väterlichen Freundes umgehend eine Arbeit als Schlepper in einem nahegelegenen Bergwerk an. Kaum dass er dort hinter die dunklen Machenschaften des Besitzers kommt, der dem Leser des ersten Bandes als schwarzer Mann wohlbekannt ist, enden die rasanten 56 Seiten bereits in einem großen Knall.
Durch die Augen eines Kindes
Auch in Die Legende vom Changeling 2: Der schwarze Mann verwebt Pierre Dubois geradezu meisterhaft seine Kenntnisse der phantastischen Literatur mit historischen Fakten. Erneut schickt der Autor der Großen Enzyklopädie der Elfen seinen kleinen Protagonisten als Mischung aus Frodo Beutlin und Oliver Twist auf die Reise durch die industrielle Revolution. Raffiniert löst Dubois die offenen Fragen des ersten Bandes nur scheinbar. Zwar glaubt man als Leser in den Fürsprechern, die Scrubby im Bergwerk gewinnt, die Märchenwesen aus seinen Heimatwäldern wiederzuerkennen. Mit letzter Gewissheit lässt sich dies jedoch (noch) nicht beantworten. Dubois’ Erzähltechnik hält alles in der Schwebe und dadurch die Spannung hoch. An einer Stelle beispielsweise entgegnet ein kleinwüchsiger Bergarbeiter auf Scrubbys Frage, ob jener ein Kobold sei: „Oder ein Zwerg, der angeheuert wurde, um Schlagwetter (Grubengas – F.S.) zu entdecken… oder den unseligen Atem des Drachen… he, he! Such’s dir selber aus.“ Dubois’ Wahl eines so jungen Protagonisten erweist sich als sein geschicktester Kniff, bleibt doch weiterhin unklar, ob Xavier Fourquemins Zeichnungen dem Leser die Realität oder lediglich die Welt durch die Augen eines (verträumten) Kindes präsentieren.
Die Zukunft liegt im Dunkeln
Dank des Hauptcharakters wiegen letztlich auch gewisse Ungereimtheiten der Erzähllogik nicht allzu schwer. Scrubbys unbekümmertes Wesen erklärt manch unreflektierte (Re-)Aktion. Sorgt sein Verhalten – wie die fehlende Trauer – dennoch einmal für Irritation, so liest man aufgrund des hohen Erzähltempos getrost oder unbewusst darüber hinweg. Ein cleverer Schachzug, ergibt sich das Tempo doch erst aus dem unbedachten Verhalten. In zeichnerischer Hinsicht sind neben Xavier Fourquemins liebevoll stilisierten Figuren, Landschaften und Räumen besonders Scarlett Smulkowskis Farben hervorzuheben. Im zweiten Band verschiebt sie ihre Farbpalette vom Großstadtgrau über das Bergwerksbraun bis hin zum finalen Vulkanrot so fein, dass die Übergänge förmlich von einer Seite zur nächsten fließen. Als bestes Beispiel einer gelungenen Zusammenarbeit der drei Künstler kann der Schluss gelten. In einer sich in ihren Panels elegant verjüngenden Seitenarchitektur ergänzen sich Handlung, Zeichnungen und Farbgebung perfekt: Als nach einer Explosion im Bergwerk der Feuerschwall langsam schwindet, weicht das kräftige Rot einer undurchdringlichen Schwärze, die Scrubbys Schicksal in Ungewissheit hüllt. Gebannter könnte der Leser wohl kaum den erhellenden nächsten Teil herbeisehnen.