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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 12:58

Richelle/Beuriot: Unter dem Hakenkreuz. Band 1

01.10.2009

Keine Stolpersteine, leider

Eine neue Serie über das Leben im Deutschland der NS-Zeit, der trotz aller guten Ansätze leider schnell der Biss und die eigenen Ideen ausgehen. Von JENS ESSMANN

 

Mit Anlauf...

Fast acht Jahre musste man auf die deutsche Übersetzung von Amours fragiles warten. Leider wird die Vorfreude schnell gehemmt, denn der Verlag Schreiber & Leser hat sich als Titel zu dem dreist reißerischen Unter dem Hakenkreuz hinreißen lassen, womit das zur französischen Überschrift (der Originaltitel bedeutete Zerbrechliche Lieben) spannungsvoll gestaltete Coverbild einen Großteil seiner Kraft einbüßt. Wenn im Original mit leichter Hand Bewegung zwischen den ängstlich suchenden Blick des Protagonisten im Vordergrund, den zerknautschten, in seine Richtung steuernden Nazi-Häschern und zwei ein- bzw. ausfahrenden Zügen gebracht wird, lastet hier der bleischwere Titel über der sich ansonsten erst langsam entfaltenden Dramatik der Szene. Ja, natürlich steht diese Geschichte "unter dem Hakenkreuz", ohne Zweifel ist sie zu einem Höchstmaß durch ihr Setting bestimmt – aber während der französische Verlag seinen Lesern einen zweiten Blick auf das Cover zutraut, der von Vermutung zu Vermutung schweifen darf, wird die deutsche Leserschaft doch recht billig in Richtung Ladenkasse gezerrt.

Anders als man es also dem Umschlag nach vermuten mag, erwartet den Leser dann zwischen den Deckeln eine sich langsam entfaltende Liebesgeschichte, die das Leben eines Antihelden erzählt: Martin Mahner, ein sensibler Lehrersohn, geboren 1914, wächst in das krisengeschüttelte Deutschland der Zwischenkriegszeit, wo wir ihn als angehenden Abiturienten kennen lernen. Sein blasser, steifnackiger Vater will den Sohn als Juristen sehen, während dieser Stefan Zweig liest und von einem Literaturstudium träumt. Der von der Männerwelt des mit den Nazis sympathisierenden Hausherren erst verschüchterte, dann abgestoßene Martin lernt nun Katharina, die neue Nachbarin, kennen, in die er sich auch prompt verliebt – und erst mit dieser Begegnung stößt man nach 20 Seiten auf den Kern der bis dahin recht andeutungsvollen und wunderbar unübersichtlich erzählten Geschichte.

... schwungvoll...

So schwungvoll in das Geschehen befördert (allein die Vorausschau der ersten Seiten...!), ist man im Folgenden etwas ernüchtert von den vielen Offensichtlichkeiten und wenig raffinierten Wendungen, die es von hier an hinzunehmen gilt. Je mehr man über die Figuren erfährt, desto mehr Staub sammelt sich auf ihnen, den wegzuwischen vor allem auf Seiten von Dialogen und Story letztlich die Leichtigkeit fehlt. Wie groß der Anteil der Übersetzung daran ist, bleibt nur zu vermuten. So viele Charaktere kommen einem so bekannt vor, weil sie in didaktischer Behäbigkeit die Muster tausend Mal gelesener Schulliteratur angepasst bekommen. Martin bleibt ein zumeist hilfloser Schwärmer, bis seine Liebe zu Katharina – einer Jüdin, wie sich herausstellt – ihn im Chaos seiner Zeit zumindest emotional Partei ergreifen lässt. Die um ihren Erfolg "im Leben" beneideten jeweiligen besten Freunde der beiden zeigen sich unter Druck als Opportunisten, Martins Eltern veranschaulichen stilles Hinnehmen und leichtfertiges Mitläufertum, ein zum Schreien dümmlicher Freund der Familie ist der Repräsentant des politisch einäugigen Stammtischlers usw.

... auf Opas Sofa

Überall lauert hier die Moral der Geschichte, und dass sie zumeist nur lauert, bleibt der Verdienst von Beuriot, dessen Nüchternheit im Strich zusammen mit der blass verträumten Kolorierung und klaren Kompostion den oft etwas hölzernen Charakteren hier und da einen Funken Ironie gönnt. Die durchgehend klassische Seitenaufteilung gepaart mit der deutlich am Film geschulten „Kameraführung“ und „Schnittfolge“ von Panel zu Panel schaffen die einem so seltsam bekannte Form von wohliger Nostalgie alter Kinostreifen, bei denen man sich trotz noch so schrecklicher Themen und Problemstellungen stets behaglich und sicher fühlt. Und diese Distanz – wie von einer mehrmals vererbten Couch aus – ist es auch, die die mit dem Holzhammer konzipierten Typen der Geschichte mal einfach und klobig, mal aber auch markant und augenzwinkernd schlicht wirken lässt. In jedem Fall wird die wachsende Gefahr sowohl für Martins Leben als auch für seine Liebe zu Katharina stets im gedämpften Ton des schon lange von anderen durchlebten Schreckens gefühlt. Alles befährt hier oft befahrene Straßen, routiniert und reibungslos. Und am (natürlich offen bleibenden) Ende seufzt es einem sanft entgegen: "Es ist ja nur ein Comic." Leider.

 

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