Walter Benjamin berichtet von Flaneuren, die eine Schildkröte an der Leine führten, um die eigene Langsamkeit zu zelebrieren. Auch ohne Schildkröte kann man das Spazierengehen als wahlweise subversive oder absurde Tätigkeit ansehen, die sich in ihrer Ziellosigkeit weigert einem ordentlichen Zweck zu dienen. Das Spazieren ist also gewissermaßen den normalen Alltagshandlungen entrückt.
So ist es nicht weiter erstaunlich, dass man als Leser über die Hauptfigur, die man immerhin 150 Seiten lang begleitet, kaum etwas erfährt – jedenfalls was ihre gewöhnlichen Lebensumstände betrifft. Dass der Spaziergänger vermutlich in einem Büro arbeitet, lässt sich an dem Anzug ablesen, den er manchmal noch trägt, und seine Frau hat kleinere Auftritte am Ende der Episoden, wenn er nach Hause zurückkehrt. Unterwegs scheint er jedoch ein aus allen persönlichen und gesellschaftlichen Zwängen befreiter Jedermann zu sein.
Minimale Überraschungen
Eigentlich erzählt Taniguchi 18-mal die gleiche Geschichte, immer auf acht Seiten, aber man möchte trotzdem kaum eine der Variationen missen. Immer tritt aus dem Strom der banale Ereignisse und Dinge etwas hervor, das die Aufmerksamkeit des Spazierenden auf sich zieht. Ein Gegenstand, wie ein Lippenstift unter einer Parkbank zum Beispiel, oder eine Veränderung des Wetters. Man könnte es minimale Überraschungen nennen, denn außergewöhnliche Ereignisse sind es höchstens in der subjektiven Wahrnehmung des Mannes.
In der ersten Geschichte ist er fasziniert von einem Vogel, den er durch das Fernrohr eines Hobby-Ornithologen beobachtet. Es handelt sich, wie dieser erklärt, um eine Kohlmeise, den Vogel, „den man hier am häufigsten antrifft“. „Und ich hab ihn gerade zum ersten Mal gesehen“, erwidert der Mann und muss damit natürlich meinen: so gesehen.
Die große Wirkung der minimalen Überraschungen liegt nicht darin, dass sie sich vom Gewöhnlichen unterscheiden, sondern dass sie die Perspektive auf das Vertraute verändern und es so transformieren. Epiphanies hat Joyce diese plötzlichen Einsichten genannt. In einer Geschichte wird die Brille des Mannes von einem Ball getroffen und springt– er sieht jetzt die Welt zerstückelt oder, wenn er sie abnimmt, unscharf verwischt. Als seine Frau ihm vorschlägt, seine alte Brille als Ersatz zu nehmen, sagt er, dass er die kaputte noch ein bisschen behalten wolle. Für eine gewisse Zeit lässt sich der Ausnahmezustand aufrecht erhalten, aber dann ist wohl die Rückkehr in die Normalität unvermeidbar.
Plötzliche Einsichten
Auf den ersten Blick könnte es als Widerspruch zwischen Form und Inhalt erscheinen, dass diese in ihrer Handlung doch so reduzierten Geschichten zeichnerisch sehr filigran mit einer Überfülle an kleinen Details ausgearbeitet sind. In manchen Panels muss die Arbeit von vielen Stunden oder Tagen stecken. Welch ein Aufwand muss es gewesen sein, bis die jeweils acht Seiten mit einigen Minuten beiläufigen Schlenderns realisiert waren! Aber da die gewöhnliche Ordnung der Dinge nicht einfach nur der Hintergrund ist, vor dem sich das Außergewöhnliche abhebt, sondern das Blei, das sich durch den alchemistischen Blick in Gold verwandelt, wird auch das Banale und Belanglose ein gleichberechtigter Teil des erstaunlichen Ganzen – und darf also sowohl die Mühe des Zeichners wie das Interesse des Betrachters einfordern.
Das Umkippen des Blicks wird meist durch ganzseitige Panels markiert, in denen sich die Perspektive zur Totalen öffnet, während die vorangehenden Seiten in viele kleine Panels unterteilt sind, die manchmal sehr schmal in die Breite oder Höhe gezogen sind und häufig angeschnittene Detailansichten zeigen. Die Zeichnungen laden also dazu ein, die Lesegeschwindigkeit zu drosseln und zum flanierenden Betrachter zu werden.
Zu lesen gibt es ohnehin nicht viel, da die meisten Seiten stumm sind. Angesichts dessen irritieren die gelegentlich eingefügten Geräuschwörter umso mehr, sie wirken in diesen leisen Geschichten einfach zu laut. Vielleicht sind sie ja als eine Art romantische Ironie gemeint: Nur kein falsches Pathos, ich bin ja nur ein Comic...
Tatsächlich können diese Geschichten wohl nur als Comic erzählt werden, sie brauchen die Bilder und die Abwesenheit von Sprache, da durch das Benennen die Dinge immer schon bedeutsam und gedeutet sind. Die letzte Geschichte macht dies unfreiwillig durch ihr Scheitern deutlich. Hier werden im Unterschied zu allen anderen die Gedanken des Mannes wiedergegeben. Die Reflexionen des inneren Monologs überlagern die Bilder der äußeren Handlung und lassen diese zur Illustration verkommen.
Taniguchi hat diese Episode „zehn Jahre danach“, wie es auf einem Zwischentitel vermerkt ist, den anderen angefügt, leider. Ohne sie wären es 17, wie die 17 Silben eines Haiku, die Königsdisziplin der japanischen Lyrik, die ein Höchstmaß an Beobachtungsgabe und präzisem Ausdruck verlangt. Taniguchi hat in Der spazierende Mann beides eindrucksvoll bewiesen.