Man könnte Alan Moores Comic über eine Spezialeinheit des britischen Geheimdienstes ganz schnell wieder aus der Hand legen. Schließlich ist darin auf den ersten Blick nicht viel Neues zu entdecken. Machart und Story wirken altbekannt. Beim ersten Durchblättern springt einem sofort die für Moore typische Seitenarchitektur entgegen. In seinen wie eh und je streng geometrisch angeordneten Panels erzählt er zudem eine Geschichte, die nicht seine eigene ist. Wie der Untertitel der deutschen Ausgabe unschwer verrät, handelt es sich um eine Adaption von H.G. Wells’ Science-Fiction-Klassiker, der heutzutage für so manchen etwas angestaubt erscheinen mag. Auch die (vermeintlich) ausgefallene Idee, ein Pastiche als Ausgangsbasis seines Comics zu wählen – der titelgebende Spezialtrupp besteht aus den literarischen Figuren Dr. Jekyll, Kapitän Nemo, Allan Quatermain, Wilhemina Murray und dem unsichtbaren Hawley Griffin – ist nicht neu, sondern (unter anderem) bei Moore selbst abgekupfert. Bereits 1991 führte der Genius aus Northampton drei weibliche Romanfiguren der Jugendliteratur in seiner pornografischen Comicfantasie Lost Girls zusammen (vergleiche die „Titel-Magazin“-Rezension vom 5. Februar). Ein zweiter Blick lohnt dennoch. Und bei näherem Betrachten erkennt man schnell, dass Alan Moore erneut einer der besten Comics der Gegenwart gelungen ist.
Nach allen Regeln der (Neunten) Kunst
Der Autor schafft dies vor allem deshalb, weil er aus der berühmten Vorlage seine ganz eigene Geschichte macht und sie so erzählt, wie es H.G. Wells niemals vermocht hätte, was weniger Wells’ Erzähltalent, als vielmehr dem Medium geschuldet ist. Hätte Alan Moore die Geschichte um die Invasion der Marsianer im Jahr 1898 eins zu eins in die Neunte Kunst übertragen, wäre es ein gähnend langweiliger Comic geworden. Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen 2 besticht jedoch gerade dann, wenn Moore die dem Comic eigenen Mittel nutzt, die der Literatur vorenthalten bleiben. Neben allerlei ganz netten Gags, die sich aus der Vermischung von Fakten und Fiktion ergeben, sind besonders die Übergänge hervorzuheben, mit denen Moore Panelfolgen kunstvoll verbindet. So überbrückt er beispielsweise gegen Ende des ersten Heftes Zeit und Raum durch einen Blick auf den Sternenhimmel. Wird dieser im ersten Panel noch auf dem Mars betrachtet, ist er im zweiten bereits geraume Zeit später auf der Erde als Spiegelung in einer Pfütze verortet, was dem Leser im dritten Panel zwar schwant, jedoch erst im vierten wirklich klar wird. All das vollführt Moore, ohne auch nur ein einziges Wort fallen zu lassen. Eine solch formvollendete Bildmontage hat man seit Stanley Kubricks berühmtem Match Cut in 2001 – Odyssee im Weltraum selten gesehen.
Eine gute Portion falsche Proportionen
Wie immer bei Moores großen Würfen sitzt auch bei der Liga der außergewöhnlichen Gentlemen ein neuer Zeichner mit völlig neuem Stil am Ruder. Während sich Dave Gibbons in Watchmen an den Superheldencomics abarbeitete, David Lloyd die Dystopie V wie Vendetta in grazile Tuschestriche kleidete oder Eddie Campbell Jack the Ripper in From Hell in extrem hart schraffiertem Schwarzweiß zum Leben erweckte, darf nun Kevin O’Neill seine Vision eines fiktiven viktorianischen Empires vorlegen. Diese fällt sehr farbenprächtig aus. Ben Dimagmaliws satte Kolorierung trennt O’Neills Panels klar in Vorder-, Mittel- und Hintergrund. Die Figuren sind sehr kantig und bewusst unproportioniert gehalten. Ein Stilmittel, das gewöhnungsbedürftig ist, den Comic aber auch äußerst sehenswert macht. Zu guter Letzt lohnt sich Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen 2 aufgrund der prächtigen Aufmachung. Panini bringt den Band mit seinen 228 Seiten nicht nur mit dem kompletten Anhang, sondern auch auf wesentlich hochwertigerem Papier heraus, als dies bei den englischsprachigen Pendants der Fall ist. Mit einem stilvollen Faltcover versehen kommt die deutsche Ausgabe somit beinahe doppelt so dick wie das Original daher. Für ein Softcover wirkt der Comic überaus edel und sucht bei Gestaltung und Umfang in einem solch niedrigen Preissegment seinesgleichen.