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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 13:00

Comic-Check: Die Magazine Spring und Orang

22.10.2009

Endlos kriminell

Comic-Magazine sind wie Wundertüten: von außen meist verlockend, aber was drinsteckt, ist ungewiss. Wenn man Glück hat, kann man aber tolle Funde machen. ALEXANDER FRANK griff zu und wurde gleich doppelt beglückt: erstens von Spring, zweitens von Orang.

 

„Magazin“ ist allerdings eine Bezeichnung, die für diese beiden Publikationen fast eine Nummer zu klein ist. Man bekommt schon ordentlich dicke und sehr schön aufgemachte Bücher in die Hand. Beide Bände versammeln jeweils zwölf Beiträge – teilweise von noch sehr jungen und unbekannten, aber auch von etablierten Zeichnern.

Verbrechen

Oder von Zeichnerinnen: Spring ist, jedenfalls von Produzentinnenseite, eine reine Frauenangelegenheit, wobei dieser Beschränkung eine Offenheit an anderer Stelle gegenübersteht. Die Beiträge sind nämlich nur teilweise Comics im engeren Sinne, die Bilder erzählen nicht unbedingt Geschichten. Oft sind es Bildfolgen mit thematischem Zusammenhang, auch gibt es neben Zeichnungen Collagen und Mischtechniken.

Die aktuelle Ausgabe Spring #6 gibt sich den Titel "Verbrechen" und es ist faszinierend zu sehen, wie die unterschiedlichen grafischen Konzepte der Autorinnen völlig unterschiedliche Zugänge zu diesem Thema ermöglichen. Es gibt zwei schwarze Crime-Stories von Susann Reck / Barbara Yelin und Nora Krug, mit zwei – wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise – eiskalten Mördern. Der erste – oder richtiger: die erste – ist so durch und durch skrupellose Coolness, dass auch die heiße Sonne der Copacabana keine Chance hat. Der andere braucht jedoch die Hilfe eines Schneemanns, um seine Emotionen abzukühlen.

Sehr schön sind auch zwei Serien, die reizvolles Material collagieren. Stephanie Wunderlich illustriert gerichtsmedizinische Statistiken von 1872 zu Größe und Gewicht unterschiedlicher Straftäter („Die größten sind die Brandstifter mit 1,71 m“). Nina Pagalies klebt aus Jerry-Cotton-Schnipseln hermetische „Kriminallyrik“ und zeichnet dazu surrealistische Fantasiewesen.

Neben diesen spielerischen Ansätzen gibt es aber auch ernste und beklemmende Arbeiten wie "Ich, die Kindsmörderin" von Almuth Ertl und "Hell is around the corner" von Maria Luisa Witte, die beide ihre starke Wirkung durch einen sehr reduzierten Einsatz von Zeichnung und Text erreichen.

Mein Favorit: "Ruhig schlafen" von Judith Mall. Zehn ganzseitige Zeichnungen, dazu unter dem Bildrand insgesamt 5 kurze Sätze, ein Monolog über ein Verbrechen im Traum, das seinen Schatten ins wache Leben wirft. Die Bilder sind gleichzeitig klar und rätselhaft, banal und beklemmend, wie dies in interessanteren Träumen so der Fall sein mag. Überhaupt könnte man die Traumlogik mit ihren assoziativen sprunghaften Verknüpfungen als verbindende ästhetische Grundlage für viele der hier versammelten Werke ansehen.

Unendliche Geschichten

Das Orang Comic Magazin #8 bietet dagegen vor allem Comics im üblichen Sinne, also in sich geschlossene Erzählungen. Wobei das verbindende Motto "Unendliche Geschichten" wohl als Aufforderung an die Zeichner gedacht war, die Abgeschlossenheit und lineare Schlüssigkeit des „Dann-und-Danach“ spielerisch zu hinterfragen. Leider sind nicht alle diesem Impuls gefolgt. Und leider, muss man auch sagen, enthält der Band ein paar schwache und alberne Beiträge, für die man aber durch andere mehr als entschädigt wird. Eine witzige Subversion der erzählerischen Chronologie ist die Geschichte "Piloten" von Sascha Hommer, die durch mehrere Rückblenden die Erzählreihenfolge umkehrt und damit den Leser erst einmal in Verwirrung stürzt.

Auch "Memento Mori" von Verena Braun fordert die Aufmerksamkeit des Betrachters. Was zuerst wie ein Gespräch zweier Freundinnen in einem Lokal aussieht, stellt sich bei genauerem Hinsehen als eine Folge von drei Gesprächen an unterschiedlichen Tagen heraus, die gewissermaßen ineinander geblendet sind. Diese Sprünge in der Handlung und der lebendige Einsatz von Stift und Pinsel machen selbst die alltägliche Geschichte durchaus reizvoll.

Line Hoven ist ja grundsätzlich eine Künstlerin des Aussparens, da sie mit schwarzen Schabkartons arbeitet, aus denen sie das, was sie zeigen will, entfernt. In ihrer Geschichte "Forever yours" lässt sie aber auch die Handlung weg, da sie genau da abbricht, wo diese in Gang zu kommen scheint. Aber auch wenn man schon gerne wissen würde, ob der ganzkörpertätowierte Literaturprofessor und die Stripperin zueinander finden – Line Hoven hat auf den sieben Seiten so viel über die beiden erzählt, dass man ihr diese Aussparung nicht wirklich übel nehmen kann.

Eine Entdeckung ist die jüngste Zeichnerin in dieser Sammlung, Nadine Gerber. Die schraffierten Flächen in Bleistiftzeichnungen wirken auf den ersten Blick etwas ungelenkt, tatsächlich entfalten sie aber eine Dynamik, die den Betrachter gekonnt in die wortlose on-the-road-Story "Transit" saugt. Fazit: Der gute Ruf, den sich Orang mittlerweile erarbeitet hat, ist durchaus gerechtfertigt..

 

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