Bei der Berufswahl tritt so mancher in die Fußstapfen seines Erzeugers. Das ist auch im Comicbetrieb nicht anders. Erfolg ist selbstverständlich auch hier nicht jedem Sprössling beschieden. Während John Dirks und Chris Browne an die berühmten Serien The Katzenjammer Kids und Hägar der Schreckliche ihrer Väter Rudolph und Dik nahtlos anknüpften oder Adam und Andy Kubert sich wie ihr Vater Joe in den USA als Comiczeichner etablierten, scheiterte Stephen Kelly beim Versuch, den Comicstrip Pogo seines Vaters Walt zu übernehmen. Ihm mangelte es schlicht an Talent. Das kann man von Yves Huppen nicht behaupten. Bereits seit 1995 arbeitet er erfolgreich mit seinem Vater Hermann zusammen. Mit 71 Jahren ist dieser ein alter Hase im Comicgeschäft und eines der wenigen noch verbliebenen Urgesteine des frankobelgischen Comics. Seit 45 Jahren schreibt und zeichnet Hermann, der in der Branche lediglich unter seinem Vornamen firmiert, in der Neunten Kunst und hat zahlreiche Klassiker wie etwa Andy Morgan, Comanche, Jeremiah oder Die Türme von Bos-Maury geschaffen. Sohn Yves führt die Serien seines Vaters jedoch nicht fort. Der Filius versorgt Hermann vielmehr als Yves H. mit den nötigen Geschichten für dessen Zeichnungen.
Harte Schnitte
Die jüngste Frucht dieser familiären Zusammenarbeit, der zweite Band des Piratencomics Der Teufel der sieben Meere, ist eine Vater-Sohn-Geschichte geworden. Denn trotz zahlreicher Figuren und Nebenschauplätze sind der Pirat De Kermadec, genannt Leguan, und dessen Sohn Conrad die Protagonisten, an die sich die zwei dominierenden Handlungsstränge anlegen. Obwohl die beiden dasselbe Ziel verfolgen – den sagenumwobenen Goldschatz des berüchtigten Freibeuters Murdoch zu erbeuten – gehen Vater und Sohn getrennte Wege. Leguan handelt lediglich aus Profitgier, während Conrad das Gold der Liebe wegen sucht. Sein Liebesschwur treibt ihn dazu, sich Murdochs Crew aus Untoten anzuschließen, was ihn nicht nur ein Bein, sondern auch das eigene Leben und die Gunst des Vaters kostet. Yves H. erzählt die Geschichte, die an vielen Stellen an die Sage vom Fliegenden Holländer und somit an Disneys Fluch der Karibik erinnert, als großangelegte Parallelmontage, deren Stränge mehrfach zusammen- und wieder auseinanderlaufen. Der filmische Eindruck des Comics wird durch die stark an Einstellungsgrößen angelehnten Panels und Yves H.s harte Schnitte verstärkt. Immer wieder wechselt die Handlung inmitten einer Seite von einem Bild zum nächsten abrupt Ort und Zeit, ohne dies durch Inserts kenntlich zu machen.
Aus der Zeit gefallen
Die Erzähltechnik des Szenaristen kontrastiert auf diese Weise stark mit Hermanns klassischen Aquarellen. Diese können als Hommage an alte Vertreter des Genres wie Der rote Korsar oder schlicht an eine vergangene Epoche des Comiczeichnens verstanden werden, an der Hermann mit seinen frühen Werken ja selbst maßgeblich beteiligt war. So nostalgisch angehaucht die Zeichnungen auch sein mögen, so altbacken und schwerfällig kommen sie daher – wirken steif und aus der Zeit gefallen. Von einem Comiczeichner, der trotz seines fortgeschrittenen Alters stets modern geblieben ist und ein breites Spektrum an Zeichenstilen in Werken wie Blutsbande, Manhattan Beach 1957 oder Sarajevo Tango durchaus unter Beweis gestellt hat, hätte man sich eine zeitgemäße Umsetzung des Piratenstoffes gewünscht. Fans und Nostalgikern, die gerne in ihren Kindheitserinnerungen der 60er und 70er Jahre schwelgen, sei dieser Band ans Herz gelegt. Wer hingegen die Optik eines Mathieu Lauffray bevorzugt, wie er sie in Long John Silver aufs Papier bringt, den wird Der Teufel der sieben Meere wohl kaum hinter dem Ofen hervorlocken.