Die ersten zehn Bände der Serie, die noch mit Die Türme von Bos-Maury betitelt waren, haben anhand der Abenteuer des Ritters Aymar von Bos-Maury ein vergleichsweise düsteres, weil recht realistisches Bild vom europäischen Mittelalter gezeichnet, das ohne (die fast schon typisch zu nennende) verklärende Romantik ausgekommen ist, und, nein, es gab auch keine Hobbits und dergleichen.
Seit Band Elf wurde die Reihe lediglich als Bos-Maury weitergeführt und die Protagonisten waren seitdem diverse Nachfahren des einstigen Titelhelden Aymar. Und ab dem zwölften Band mischt auch Hermanns Sohn und Kollege Yves H. als Co-Autor der Reihe mit. Der nun vorliegende 14. Band handelt von einem polnischen Husaren, der sich im Jahre 1604 unter dem Kommando seines onkels und verstärkt durch ein verbündetes Kosakenheer aufmacht, den russischen Zaren zu stürzen.
Harte Zeiten, raue Sitten
Das Autorentandem aus Hermann und Yves H. vermischt mit Wassja – der Name einer der tragenden Figuren der Geschichte – gekonnt Fakt und Fiktion. Anhand der historischen Ereignisse um Zar Godunow und seinen Nachfolger, der unter dem Namen „Pseudodmitri“ zu trauriger Berühmtheit gelangte, erzählen die Belgier eine Liebesgeschichte, der im Schatten des Krieges kein Happy End vergönnt wird – obwohl der große Krieg der mit den Kosaken verbündeten Polen gegen die Russen die Liebenden Aymar und Dunjaschka erst zusammenführt. Was der jungen Romanze dagegen eher im Wege steht, sind die kleinen, persönlichen Kriege, die untereinander ausgefochten werden und die schließlich in einem Strudel aus Gewalt kulminieren, für den der eigentliche Krieg als Kulisse fungiert – fungiert, wohlgemerkt, und nicht etwa verkommt, denn dramaturgisch passt das alles gut zusammen. Wenn im Krieg und in der Liebe alles erlaubt ist, wie es heißt, dann braucht sich das Böse, für den Fall, dass diese beiden großen Themen zusammentreffen, erst gar nicht lange anzubahnen. Es bricht einfach durch die beschädigte Oberfläche hindurch – wie in der vorliegenden Geschichte.
Kein Gesellenstück, da meisterhaft
Die sequenzielle Anordnung der einzelnen Panels und das Vermögen zur Narration, das ihnen innewohnt, machen Wassja zu einem meisterhaften Beispiel dafür, wie das Medium Comic eine Story szenisch wie einen Film zu inszenieren vermag. Denn Hermann erweist sich als ein guter Regisseur und Kameramann, der praktisch ohne Gedankenblasen und erklärende oder sinnstiftende Kommentare – als Stimme aus dem Off – auskommt. Lediglich zu Beginn und am Schluss der Geschichte finden diese Mittel Verwendung – am Anfang, um die Erzählung historisch einzuordnen, und zum Schluss, um über das Ende des Erzählten hinaus zu verweisen. Die gesamte Zeit dazwischen wird gekonnt durch Dialoge und eine kluge Bildsprache gestaltet: So werden Überblendungen zwischen den einzelnen Erzähleinheiten mit sehr ansprechenden Eindrücken von Sonnenuntergängen, morgendlichem Tau auf Blättern oder dem Mondschein, der durch ein Fenster fällt, konstruiert. Denn auch zeichnerisch bewegt sich Hermann auf hohem Niveau. Mit filigranen Outlines und satten Pinselstrichen schafft der Belgier stimmige und detailreiche Bilder, die wie Aquarelle anmuten. Am besten ist Hermann übrigens dann, wenn es um die Darstellung der düsteren Nacht geht oder um die Abenddämmerung, in der die Welt im Halbschatten liegt und der Himmel sich allmählich verschleiert.
Natürlich haben Hermann und Yves H. hier das Rad nicht neu erfunden. Der in Zeiten des Krieges angelegte Liebesreigen ist mit Sicherheit keine Ausgeburt an Originalität und Innovation. Handwerklich ist Wassja allerdings hervorragend umgesetzt, und auch bei der historischen Recherche haben die Belgier gute Arbeit geleistet, weswegen man den schön gebundenen Comic getrost jedem ans Herz legen kann, der einer elegant erzählten Abenteuer- oder Rittergeschichte etwas abgewinnen kann – zumal zum Verständnis des Bandes keine Vorkenntnisse der Bos-Maury-Reihe nötig sind.