Beim Blick zurück auf die Ereignisse des ersten Zyklus (vgl. die TM-Rezension vom 23. Juli 2009) könnte man Hugo Sambres düstere Mahnungen durchaus bestätigt sehen, die Familie Sambre – rote Haare, braune Augen – stehe im Krieg der Augen und habe nichts so sehr zu fürchten wie die seltenen Rotäugigen. Ist doch die junge Julie dem Unkenruf ganz gut gerecht geworden, das Fleisch gewordene Verhängnis des Hauses zu sein: Der ebenfalls blutjunge Bernard Sambre geriet in ihren Sog und so in die Pariser Februarrevolution von 1848, die er nicht überlebte. Doch obwohl in Sambre Lagerdenken und Schicksalsglaube allgegenwärtig sind, kann man dieser Vorgeschichte auch entnehmen, dass es so einfach nicht ist, dass äußere Umstände und selbsterfüllende Prophezeiungen ebenso ‚fatal‘ sind, dass Julie auch Opfer ist. Wie kompliziert wird das Ganze erst, wenn sich die Gene der Roten zur dritten Generation vermischen?
Da braut sich was zusammen
Der erste Band des neuen Zyklus sucht nun die Überlebenden acht Jahre später wieder auf und findet wenig Anlass zu Hoffnung, aber genug Potential für die nähere Zukunft der Saga. Julie sitzt noch immer im Gefängnis, wo sie den Übergriffen der Mitgefangenen und den Züchtigungsmethoden des Direktors ausgesetzt ist. Bernard-Marie, ihr mit Bernard gezeugter Sohn, wächst bei dessen erblindeter Schwester auf, die die Erinnerung an die leibliche Mutter am liebsten auslöschen würde. Das Nebeneinander der beiden ebenso distanzierten wie aufeinander bezogenen Hauptfiguren macht den Reiz dieses kompakten Auftakts aus, der noch in der Schwebe hält, was vermutlich bald neue Katastrophen zeitigen wird. Denn dass die beiden auf Dauer nicht zu bändigen sind, zeigen schon ihre Zähigkeit und sein Temperament unter widrigen Bedingungen. Julie lässt sich bei aller Lebensverachtung nicht unterkriegen und hat ihren entrissenen Sohn noch nicht abgeschrieben. Der schlägt nach seinen hitzigen Eltern und handelt sich zuletzt ein vielsagendes Zeichen ein. Für Julie öffnen sich die Pforten schließlich auf suspekte Weise: Sie gehört zu den auserwählten weiblichen Sträflingen, die auf Wunsch des Kaisers in Guayana eine Art Kolonie gründen sollen. Der erste Schritt zu einer möglichen Wiedervereinigung von Mutter und Kind ist damit dennoch getan. Aber soll man den beiden überhaupt ein Zusammentreffen wünschen? Der Fortgang wird die These vom notwendig destruktiven Verhältnis der ungleichen Roten erneut auf die Probe stellen.
Anschluss geschafft
Kenner werden sich schnell wieder im düsteren Ambiente heimisch fühlen, das lichte Momente nur als sparsam gesetzte Kontrapunkte kennt. Der hier besonders durchgängige Look ist dabei nicht unmotiviert, da die Sphären tatsächlich in ihrer Tristesse vereint und die Figuren im Dunkel auf sich zurückgeworfen sind. Julie sieht darin den Geist Bernards, die blinde Sambre treibt im Dämmerlicht ihres Hauses der Familienfluch um und der kleine Bernard wird zum Nachdenken in die Gruft gesperrt. Rot ist wie gehabt die Farbe, die das Gemeinsame im Gegensätzlichen akzentuiert, etwa über die Kleidung von Henker und Delinquentin. Yslaire variiert erneut souverän verschiedene Bildgrößen und findet visuelle Lösungen für seine Geschichte, zum Beispiel wenn Bernards Pflegemutter in Erzählungen seinen Vater zum Helden verklärt und dabei das Gesicht Julies stets getilgt wird. Yslaire hält also sein hohes Niveau in dieser Fortsetzung, die tatsächlich Sinn ergibt. Man darf deshalb gespannt sein, was er sich nach dieser atmosphärisch und erzählerisch dichten Ouvertüre für die nächsten Bände einfallen lässt.