Georgischer Frühling - Ein Magnum Tagebuch
10.12.2009
Neuland
Georgien – es sind die kriegerischen Auseinandersetzungen, die dieses Land bei uns präsent halten. Dabei zeigt ein schön gestalteter Bildband aus dem Kehrer Verlag, dass es viele Gründe gibt, sich mit diesem aufblühenden Land von der Größe Bayerns zu beschäftigen. Von OLAF SELG
Zum Beispiel der Blick in Stalins Geburtszimmer in Gori. Wenn man bedenkt, welch ein Elend hier auch gleich sein Ende hätte finden können. Während die Schwarz-Weiß-Bilder von Alex Majoli insgesamt eher nachdenklich stimmen – „Ich entscheide mich dafür, dass meine Arbeit für diesen Auftrag am Ende ein bisschen idyllisch sein soll. Sie soll anhand meiner Erinnerungen und einiger Begegnungen, die ich hatte, ergreifend sein. Aber ich kann das nicht. Der Krieg ist überall. Hinter jedem Wort, jeder Tat und jeder Maske“ – bietet Martin Parr im Kontrast dazu und viel weniger ätzend, als man es von ihm gewohnt ist, bunte Einblicke in den Alltag: „Ich fange mit einem Besuch auf dem größten Markt in Tiflis an. Es gibt keinen besseren Weg einen Besuch in einem Land zu beginnen, als auf den Markt zu gehen. Er ist wie eine Bühne…“
Gelungenes Gesamtkonzept
Die Grundidee für den Band „Georgischer Frühling – Ein Magnum Tagebuch“ vermag zu überzeugen: Zehn Magnum-Fotografen wurden auf die Reise durch Georgien geschickt, die jeweils auf einer Begleitkarte eingezeichnet ist. Jeder von ihnen verfolgt auf seiner Tour ein eigenes Ziel, sein eigenes Thema. Dies hat zur Konsequenz, dass jedes Kapitel, angepasst an die individuelle Vorgehensweise, an besondere Formate und Sujets, eine eigene Gestaltung hat. Und so finden sich ganzseitige Schwarz-Weiß- oder Farbfotos, aber auch kleinformatige Fotostrecken oder Seiten, die wie aus einem Fotoalbum oder Tagebuch entnommen aussehen – wie der Untertitel des Bandes schon andeutet. Was sich wie ein Gemischtwarenladen anhört, passt aber optimal in das Gesamtkonzept. Der Band will ein Spektrum eröffnen, wobei mehr als ein Kunstband entstanden ist: Ein illustrierter Band über das Leben in Georgien, stellenweise fast schon eine überdimensionale Werbebroschüre, die im Auftrag des Ministeriums für Tourismus erschienen sein könnte. So verwundert es einerseits nicht, dass Martin Parr in seinem Begleittext launig anmerkt, wohl gerade am neuesten der regelmäßig in der Vergangenheit erschienenen „Propaganda-Bücher“ mitzuwirken.
Glanz und Elend
Andererseits ist der Band ein notwendiges Korrektiv der in unseren Köpfen primär präsenten Kriegs- und Elendsbilder. Nicht dass Georgien nun Oase des Glücks oder Paradies des Ostens wäre (siehe z.B. Alex Majoli). Glanz und Elend existieren nebeneinander, Tradition trifft auf Modernisierungstendenzen, Religion auf Seifenoper. Es gilt, Menschen und Landschaften zu entdecken, wobei eben noch nicht überall ein H&M-Mittelmaß zum Ausdruck kommt. Man merkt vielen Fotografien und vielen Begleittexten der Fotografen die Lust an der Unternehmung an. Für viele der Beteiligten – neben Martin Parr und Alex Majoli waren das Martine Franck, Mark Power, Alec Soth, Thomas Dworzak, Jonas Bendiksen, Antoine D’Agata, Gueorgui Pinkhassov und Paolo Pellegrin – war es eben auch die Möglichkeit, Neuland zu entdecken. Und so ist der „Georgischer Frühling“ eine inspirierende Unterbrechung im trüben Wintergrau.
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