Am Ende des ersten Bandes Die Tränen der Bienen schien alles eigentlich schon so gut wie klar zu sein. Die gemeinsame Reise der unfreiwilligen Freunde Erwan und Pauline hatte vor den Überresten des großen Toten ihr vermeintliches Ziel erreicht. Die Geschichte würde dem Schema F der Fantasyliteratur folgen, wenn sich die beiden sogleich an die Wiederherstellung der Harmonie zwischen der Welt des „kleinen Volkes“ und der Unsrigen machen könnten. Aber falsch gedacht! Am Anfang des zweiten Bandes verschwindet Pauline überraschend. Doch bleibt keine Zeit, sie zu suchen, das Gleichgewicht zwischen den Welten hat Vorrang. Beim anschließenden Ritual wird Erwan Opfer einer Intrige, bevor er sich jedoch wehren kann, landet auch er wieder in der Realität. Leser des ersten Bandes wissen, dass die Länge des Aufenthaltes in der Parallelwelt durch die Dosierung eines Elixiers bestimmt wird. Sie wissen auch, dass die Zeit im Land des „kleinen Volkes“ langsamer verstreicht. Die kurze Zeit der Reise in jener Welt entspricht mehreren Jahren in unserer. So findet sich Erwan im Frankreich des Jahres 2011 wieder. Pauline, die nur einige Stunden vor ihm verschwandt, muss also schon seit einigen Monaten zurückgekehrt sein. Natürlich macht er sich auf die Suche nach ihr und erlebt einige Überraschungen. Die größte ist, dass Pauline Mutter geworden ist. Noch verblüffter ist er, als er durch seine Nachforschungen erfährt, dass ihr Kind unerwartet schnell altert. Ein Zusammenhang mit ihren gemeinsamen Erlebnissen ist offensichtlich.
Märchen und Realität
Die Erzählung schreitet mit diesem Album nur zögerlich voran. Die Geschichte entwickelt sich äußerst gemächlich, liest sich jedoch niemals zäh. Gerade diese Langsamkeit verdeutlicht die nervenaufreibende Suche Erwans, aus dessen Perspektive die Handlung ausschließlich erlebt wird, aufs Passendste. Die wichtigste Rolle spielt hier jedoch die Zeit. Die Welt hat sich in den zwei Jahren der Abwesenheit grundlegend gewandelt. Leider zum Schlechteren. Der Klimawandel hat rapide an Tempo gewonnen, eine weltweite Wirtschaftskrise ungeahnten Ausmaßes sowie das Auftreten neuer Krankheiten destabilisieren die Staaten der Erde. Auch Frankreich bleibt nicht verschont. Und so streift Erwan suchend durch ein Paris, das geprägt ist von Armut, Angst und Unruhen. In Zeiten der „Neuen Grippe“, des wirtschaftlichen Abschwungs und des Anstiegs der Arbeitslosenzahlen mag das plakativ wirken. Die Tatsache jedoch, dass das Album im Sommer 2008, also noch bevor sich diese Katastrophen manifestierten, fertiggestellt wurde, relativiert diesen Umstand und verleiht der Geschichte die unbeabsichtigte Brisanz, in einer möglichen Zukunft zu spielen.
Typisch Loisel
Die Künstler um den Altmeister Loisel entwerfen mit Der große Tote ein modernes Märchen: Ein Prinz begibt sich auf die Suche nach seiner Prinzessin und muss, quasi nebenbei, noch sein Königreich retten. In diesem Falle sind es derer sogar zwei. Großes Lob muss hier der Kolorierung François Lapierres ausgesprochen werden. Sie lässt die atmosphärischen Zeichnungen Malliés aus der Parallelwelt noch träumerischer, die Bilder des geschundenen Paris noch bedrückender wirken. Die Geschichte lebt von Kontrasten: die aufbrausende Pauline und der besonnene Erwan, die Suche nach dem Großen Toten und die Suche nach Pauline. Interessant wird sein, wie sich diese Aspekte in den kommenden Bänden entwickeln werden. Wird Erwan Pauline finden? Wer ist der Vater ihres Kindes und was hat es mit dessen überschnellem Altern auf sich? Werden sie in das Land des „kleinen Volkes“ zurückkehren? Es bleibt spannend!