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Wachgeküsst von New York: Alt liebt jung, genial liebt dumm. Wahlbeziehungen und Metamorphosen à la Woody Allen. Von STEFAN VOLK
Es gibt zwei Arten von Woody-Allen-Filmen. Die, in denen der Stadtneurotiker (1977) mit seinem konfusen Charme und seinen fahrigen Intellektuellenmonologen alle in den Schatten stellt. Und die, in denen er selbst in einer Nebenrolle oder ganz hinter der Kamera verschwindet und stattdessen andere, wie zuletzt Penélope Cruz in Vicky Cristina Barcelona, zur Hochform auflaufen lässt. In seinen witzigsten Filmen („Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten, 1972; Manhattan, 1979) übernimmt Allen die Hauptrolle selbst. In seinen schönsten (The Purple Rose of Cairo, 1985; Hannah und ihre Schwestern, 1986) überlässt er sie anderen. Whatever Works – Liebe sich wer kann gehört zur dritten Sorte.
Woody Allen ‚spielt‘ darin quasi die Hauptrolle, allerdings ohne überhaupt dabei zu sein. An seiner Stelle gibt der Seinfeld-Autor und Komiker Larry David einen typischen ‚Woody Allen‘: den spleenigen Hypochonder John, der beim Händewaschen immer zweimal hintereinander „Happy Birthday“ singt, weil er glaubt, nur so den heimtückischen Bakterien auf den Leib rücken zu können. Unnötig zu erwähnen, dass John in New York lebt. Weil Larry David aber jünger, größer und kräftiger ist als Woody Allen, verleiht der Regisseur seinem Stellvertreter doch noch eine eigene Note, indem er ihn als arroganten Misanthropen mit überdurchschnittlichem IQ-Wert zeichnet, der die Kinder, die er im Schachspiel unterrichtet, allesamt für kleine Versager hält, was er ihnen auch gänzlich unverblümt zu verstehen gibt. Statt an ein aufgescheuchtes Huhn erinnert diese medisante Woody-Allen-Variante eher an einen eitlen Gockel. Entsprechend unwirsch reagiert John, als eines Tages eine junge Frau vor seiner Tür steht und ihn um etwas zu essen anbettelt. Weil die hübsche Melodie (Evan Rachel Wood), die aus ihrem konservativen Südstaatenzuhause nach New York geflohen ist, aber einen so niedlich verlorenen Eindruck macht und John in seinem Innersten eben doch ein netter Kerl ist, bittet er sie für einen Moment herein, lässt sie dann eine Nacht bei sich schlafen, ein paar Tage dort wohnen. Und schließlich heiratet er sie.
Dass John ein miesepetriges Genie und Melodie ein liebenswertes Dummchen ist, er alt, sie jung – was soll’s. „Whatever Works“, Hauptsache es funktioniert, lautet die Botschaft des Films, die John am Anfang und Ende auch direkt in die Kamera spricht. Seine ausufernden ironischen Publikumsansprachen gehören zu den witzigsten Passagen des Films, der nach der Hochzeit von John und Melodie noch so manchen dramaturgischen Wendepunkt parat hält. Als erstes taucht Melodies Mutter in New York auf; eine verbiesterte Puritanerin, die gegen Abtreibungen wettert und sich gleichzeitig für die Todesstrafe stark macht, ehe der Flair des Großstadtlebens sie packt und in eine Flower-Power-Fotografien verwandelt, die, nachdem ihr Mann sie verlassen hat, ihre jahrelang unterdrückte Sexlust in einer zwanglosen ménage à trois auslebt. „Whatever work’s“ eben. Als nächstes klopft Melodies Vater an die Appartementtür, der seine Frau zurückhaben möchte, kaum aber dass er eine New Yorker Bar betritt, den Mut findet, zu seiner verdrängten Homosexualität zu stehen. Aus dem bibelfesten Redneck wird flugs ein locker-flockiger Christopher-Street-Boy. Diese Metamorphosen vom Klein- zum Freigeist vollziehen sich derart unvermittelt, radikal und klischeehaft, dass sie nicht ernst, sondern nur komisch gemeint sein können.
Man könnte Whatever Works daher als heitere Hymne auf eine Welt voller Toleranz und Vielfalt unterschiedlicher Lebensmodelle verstehen, in der zum Beispiel auch ein Mann wie Woody Allen Platz fände, der seine 34 Jahre jüngere Adoptivtochter ehelicht, würden von dieser Utopie auch solche Lebenswirklichkeiten mit eingeschlossen, die sich dem linksliberalen Lifestyle der New Yorker Kulturschickeria verweigern. Ausgehend von der Vorstellung, dass die armen Südstaaten- und Bible-Belt-Hinterwäldler in ihren konservativen Familienstrukturen ja gar nicht glücklich sein können, sondern im Grunde alle nur sehnlichst darauf warten, von New York wachgeküsst zu werden, entwirft Whatever Works letztlich doch auch wieder nur eine (Gegen-)Ideologie, der es nicht gelingt, über den eigenen, immerhin fröhlich bunten, Tellerrand hinauszuschauen.
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