Kerascoët / Fabien Vehlmann: Jenseits
26.11.2009
Üppig grünes Grauen
Was niedlich daherkommt, muss nicht niedlich sein: Jenseits ist nichts für schwache Nerven. Von BRIGITTE HELBLING
Vorsicht. Auch wenn auf dem Cover dieses Comics ein süßes Mädchen im gepunkteten Flatterrock mit großen Augen um sich schaut: Dies ist kein Buch für Kinder. Auch nicht für jeden Erwachsenen. Jolies ténèbres, der französische Titel, klingt zwar hübsch (wie „hübsche Finsternis“ eben), aber was in dieser Schattenwelt geschieht, ist alles andere. Jenseits lautet der deutsche Titel. Wie das Jenseits, zum Beispiel. Oder wie „Jenseits von Gut und Böse“?
In ambivalentem moralischem Territorium verortet sich dieser Comic. Die Geschichte setzt ein mit der reizenden Aurora, die ihren Verehrer Hektor zum Tee eingeladen hat. Mitten in der Konversation werden die beiden samt Diener aus ihrem Salon gespült, der, wie nun klar wird, sich im Innern eines Schulmädchens befand, das tot im Wald liegt.
Herr der Fliegen im Winzlings-Milieu
Wurde das Kind ermordet? Die Frage bleibt offen. Die Geschichte interessiert sich nicht für die Tote, sondern für die vielen Winzlinge, die aus ihren Körperöffnungen strömen. Das sind Mädchen und Jungen in unterschiedlichsten Größen und Ausführungen, die sich nun alle im Wald zurechtfinden müssen. Manche setzen sich gleich von Anfang an ab. Andere schließen mit kleineren Tieren Freundschaft. Wieder andere bilden Banden, um diese neue Welt ihrem Willen zu unterwerfen. Aurora ist eher sozial gesinnt, sie denkt für die Gemeinschaft. Dem größeren Teil der Gemeinschaft ist das herzlich egal. Was sich hier abspielt wird ist eine Neuauflage von Herr der Fliegen im Miniatur-Fantasymilieu, eine verstörende Idee, eine verstörende Geschichte.
Ausgedacht hat sie sich Marie Pommepuy, die zusammen mit Sébastien Cosset das Zeichnerduo Kerascoët bildet, und die im Clip eines Interviews für das französische Fernsehen so entzückend wirkt wie ihre mit Wasserfarben kolorierten Kleinstwesen. Bei Illustrationen, die sie für Kinder mache, langweile sie sich hin und wieder, erklärt Pommepuy im Gespräch. So sei sie auf diese Geschichte gekommen. Man kann Jenseits auch als die Rache des professionellen Zeichners verstehen. Wer niedliche Figuren als seine zeichnerische Stärke erkennt, hat dabei noch lange nicht nur niedliche Gedanken.
Begrab mich in deiner Federtasche
Und so füllt sich das Album mit üppig grünen Waldszenarien, in denen luftige Zwitscherkreaturen ihr Auskommen suchen, sich helfen, Feste feiern, gefressen werden, sich die Freunde ausspannen oder gegenseitig (tot? lebendig?) in Federtaschen begraben. Für die Geschichte holte das Duo Kerascoët den Szenaristen Fabien Vehlmann dazu, der sich mit Allein und Welt ohne Zukunft (für das Spirou-Magazin) bereits einen Namen als Welterfinder der etwas anderen Art gemacht hat.
„Jenseits“ bedeutet dann auch, dass naheliegende „diesseitige“ Fragen – Wie kommt das tote Menschenkind in diesen Wald? Warum sucht keiner nach ihm? Und wer ist der Einsiedler, der in der Nähe wohnt und in seiner kleinen Hütte eine Puppe aufbewahrt? – nicht beantwortet werden. Es gibt Andeutungen, das muss reichen. Der Rest ist Fantasterei in einem barbarischen Nimmerland, ein lieblich-verspieltes Grauen.
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