Bourhis: Das kleine Rockbuch
07.01.2010
Gabba Gabba Hey!
Sie sieht nicht nur aus wie eine Single, sondern bringt auch sonst alles mit, was eine gute Schallplatte ausmacht, findet zumindest FALK STRAUB und lässt sich vom ganz eigenen Rhythmus dieser Comic gewordenen Geschichte des Rock ’n’ Roll mitreißen.
Wer schon immer einmal wissen wollte, wer die elektrische Gitarre erfand, wann sich das Rock zum Roll gesellte oder wo Brian Wilson den Großteil des Jahres 1967 verbrachte, der sollte unbedingt einen Blick in Hervé Bourhis’ Das kleine Rockbuch werfen. Alle Neunmalklugen, denen solch olle Kamellen nur ein müdes Gähnen entlocken, können sich zumindest am gelungenem Artwork und dem trockenen Humor erfreuen. Inhaltlich eher zum Longplayer geraten spannt Bourhis einen Bogen von den Anfängen des Rock ’n’ Roll bis zum Juni 2009. Den nötigen Sound besorgen das ausdruckstarke Schwarzweiß der Zeichnungen, facettenreiches Lettering und eine anekdotische Erzählstruktur.
Im Zettelkasten der Rockgeschichte
Wie Songs auf einem Album lässt der Autor in seinem Comic die Jahre der Rockgeschichte am Leser vorüberlärmen. Sieben bis neun unterschiedlich große Panels bilden das Grundgerüst einer Seitenarchitektur, die in ihrer Ausschnitthaftigkeit an Werbeprospekte oder Zeitungsannoncen erinnert. Denn zwischen all die wummernden Daten, Fakten und Episoden über Leben und Arbeit der Musiker pfeffert Hervé Bourhis immer wieder gezeichnete Plattencover, Filmplakate, Buchdeckel und Anzeigen für Instrumente und Equipment. Beinahe jedes Panel erzählt seine eigene Geschichte, steht dadurch für sich selbst und ermöglicht dem Betrachter dessen ganz persönliche Leserichtung. Für die nötigen Breaks in diesem visualisierten Zettelkasten der Rockgeschichte sorgen irrwitzige Plattenvergleiche, die Bourhis am Ende eines jeden Jahrzehnts einstreut. Chuck Berry vs. Little Richard, The Who vs. The Kinks oder Michael Jackson vs. Prince heißt es da. Michael Jackson vs. Prince? In einem Comic über den Rock ’n’ Roll?
Der subjektive Sound of Music
Richtig gelesen! Denn genau so subjektiv wie Bourhis’ Auswahl der Künstler ist auch sein Verständnis des Rock ’n’ Roll. Von Carlos Santana, den Grateful Dead oder Supertramp fehlt in Das kleine Rockbuch jede Spur, wohingegen Künstler aller Couleur vom Blues, Rhythm & Blues und Soul über Disco, Reggae, Rap und Brit-Pop, bis hin zum Trip-Hop, House oder Techno vertreten sind. Bourhis’ Geschichte des Rock ’n’ Roll ist stets seine eigene; die Geschichte einer musikalischen Sozialisation eines 1974 geborenen Franzosen. So verwundert es kaum, dass der Comic gar mancher französischen Musikgröße das ein oder andere Panel zu viel widmet. Der Autor hätte ihn auch gut und gerne Das kleine Buch der Populärmusik des 20. Jahrhunderts aus der Sicht eines Franzosen nennen können. Andererseits ist eine adäquate Geschichte des Rock ’n’ Roll ohne die Erwähnung der Einflüsse all seiner Vorläufer und Nebenstränge wahrscheinlich gar nicht denkbar.
Subtile Momente der Degradierung
Langeweile kommt durch die subjektive Erzählhaltung gewiss keine auf. Schließlich fallen dadurch auch Musiker jenseits des Rock ’n’ Roll Bourhis’ lakonischem Humor anheim. Neben eindeutigen Statements aus dem Munde des Erzählers lebt der Comic von seinen subtilen Momenten der Degradierung. Nur ganz beiläufig, fast unbemerkt spielen sich hier entscheidende Szenen ab oder demontieren (vermeintliche) Musikgötter sich selbst. Da pinkelt dann eben mal geschwind in einem Panel ein Hund rotzfrech an das Graffito „Clapton is God“. In einem anderen gibt Frank Sinatra folgendes Bonmot zum Besten: „Der Rock ’n’ Roll ist die brutalste, abartigste, abstoßendste, heimtückischste, lüsternste und, ehrlich gesagt, schlicht obszönste Ausdrucksform… ein widerlich stinkendes Aphrodisiakum… die Tonspur eines jeden jugendlichen Straftäters dieser Erde.“ Vom Kleinen Rockbuch beflügelt wünscht man sich da doch nichts sehnlicher, als Ol’ Blue Eyes’ Weisheiten mit erhobener Faust aus vollem Halse entgegenzugrölen: Hey ho, let’s go!
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