Und mehr noch als die bisherige Auswahl, belegt diese Zusammenstellung, dass das Burgtheater-Klischee historisch geworden ist. Ähnlich wie bei der Pariser Comédie Française denkt man ja beim Burgtheater gemeinhin an einen verstaubten Stil von Klassiker-Pflege, mit viel Pathos, mit Rezitation an der Rampe, mit eitlen Stars. Und bis in die siebziger Jahre hinein gilt das ja auch, wenngleich das in der neuen Lieferung von DVDs mangels Klassiker-Inszenierungen aus jenen Jahren nicht ersichtlich wird. Dabei wird darüber hinweggeschwindelt, dass Nestroy und Raimund, die mittlerweile zu Vorzeigeautoren des Wiener Traditionstheaters wurden, das sich gerne als Nationaltheater versteht, zu Lebzeiten gerade nicht an der Burg, sondern in der Vorstadt gespielt wurden – sehr zum Leidwesen Raimunds übrigens, der sich nichts sehnlicher wünschte, als vom Hoftheater nobilitiert zu werden. Und auch Arthur Schnitzler, der mit gleich zwei Aufführungen vertreten ist, war eher an der Josefstadt beheimatet als im hochsubventionierten Haus am Ring. Vom Stil der Grillparzer-, Schiller- und Goetheinszenierungen mit Balser, Liewehr und Co. ist das weit entfernt.
Der radikale Wandel, der mit Achim Benning und dann vollends mit Claus Peymann stattgefunden hat, wird dokumentiert durch Giorgio Strehlers Inszenierung von Goldonis Trilogie der Sommerfrische und George Taboris Othello mit Gert Voss in der Titelrolle, einem der vielen Höhepunkte seiner Karriere. Noch im Windschatten dieses Wandels stehen Martin Kušejs Rehabilitierung von Karl Schönherr, die in dieser Lieferung mit dem Weibsteufel, einer idealen Vorlage für Birgit Minichmayr, fortgesetzt wird, und – für das Burgtheater tatsächlich sensationell – Christoph Schlingensiefs Mea Culpa, beide aus der Ära Bacher. Ein größerer Gegensatz als der zwischen Strehlers turbulenter Bewegungsregie und dem gepflegten Konversationstheater eines Schnitzler oder eines Hermann Bahr, für das Robert Lindner wie ein spät geborener Protagonist des Fin de siècle wie geschaffen schien, ist kaum denkbar, doch in beiden Regionen war das Burgtheater in seiner Geschichte daheim. Es blieb auch unter den profiliertesten Regisseuren stets ein Schauspielertheater.
Mehr als die ersten zwanzig DVDs der Edition lassen die nun erhältlichen einen Vergleich der Schauspielstile im vergangenen halben Jahrhundert zu – und die Veränderungen sind verblüffend. Sie sind nicht geringer als bei den Stehlampen oder bei der Popmusik. Ein Ignaz Kirchner oder ein Joachim Meyerhoff haben nicht mehr viel gemeinsam mit Paula Wessely, Attila Hörbiger, Käthe Gold, der großbürgerlichen Susi Nicoletti (die in einem Abspann als Nocoletti firmiert) oder auch mit dem einmaligen Volksschauspieler Josef Meinrad, der, zusammen mit seiner Partnerin Inge Konradi, wie auch Gusti Wolf für die Nachkriegsgeneration das Bild von Nestroy bestimmt hat. Immerhin kann man sich davon überzeugen, dass eine Johanna Matz oder ein Peter Weck weit mehr auf der Pfanne hatten, als Heimatfilme oder dämlicher Klamauk vermuten lassen. Verglichen mit deren Generation, in der selbst Schurken noch wie Aristokraten auftraten, wirkt Nicholas Ofczarek, der designierte Salzburger Jedermann, wie ein Typus, den man in Wien zur Zeit Meinrads einen „Schlurf“ nannte. Das Burgtheater ist „ordinärer“ geworden – also republikanischer. Das ist nicht das Schlechteste, was man von ihm sagen kann.
Der Weibsteufel übrigens ist ein gutes Beispiel dafür, wie das gescholtene Regietheater aus einem schlechten Stück einen spannenden Theaterabend machen kann. Mit dem Burgtheater-Klischee von einst hat das nicht mehr viel zu tun. Eher schon mit dem neuen Verständnis Horváths, das Hans Hollmann eingeleitet hat – nicht am Burgtheater, sondern in Basel.