Wenn am Himmel die Helden fliegen, wie soll da ein gewöhnlicher Comic-Zeichner noch bei einer Frau punkten? BRIGITTE HELBLING gefällt Andi Watsons elegante Superhelden-Persiflage.
„Klemmi“ nennen die Kollegen Jack, den Comic-Zeichner, weil er es mit keiner Frau auf die Reihe kriegt. Wie auch? In der Stadt, in der Jack lebt, fliegen überall die Superhelden herum, und gegen solche Typen kommt ein einfacher Comic-Zeichner nicht an.
Glaubt Jack. Dann lernt er zufällig die Nachwuchsreporterin Nora kennen, die ihn vom Gegenteil überzeugen will. Die Romanze nimmt ihren Lauf – aber da ist noch der feurige Superheld „Flamer“, dem Nora professionell nachsteigt, und außerdem Jacks Kater, der neuerdings spricht und Herrchen davon überzeugen will, dass seine neue Freundin mit dem Flammenmann mehr am Laufen hat, als es den Anschein macht.
Superhelden (auch) für Oma
Andi Watson ist Engländer, und sein Blick auf die Superheldenkultur, liebevoll und spöttisch zugleich, erinnert daran, dass es vorwiegend britische Zeichner waren, die Ende der 1980er die revisionistische Wiedergeburt des Genres betrieben haben. Liebe + Helden ist eine clevere Mischung aus Nerdwissen und gezielter Unterwanderung der Grundfesten des Superheldenglaubens. In dieser Welt sind Comic-Zeichner wie Jack lediglich die Chronisten der Abenteuer von Typen, die ganz real den Himmel unsicher machen – buchstäblich: Jack lernt Nora während einer U-Bahn-Störung kennen, verursacht durch „Superhelden-Aktivitäten“ über der Stadt. Befragt danach, ob es bei seinen Superhelden denn noch um den Kampf von Gut gegen Böse geht, antwortet Watson: „Na klar. Worum denn sonst? Jung’sche Tiefenpsychologie?“ Und dann relegiert er den Heldenkampf fein säuberlich an den fernen Horizont seines Geschehens.
Im Zentrum stehen die Sorgen der „kleinen Leute“ – Liebe, Arbeit, Karriere. Es passt ganz gut, dass Andi Watsons Strich das Superhelden-Genre in keiner Weise bedient. Die elegant dahin geworfenen Zeichnungen erinnern an eine Illustrationskultur der 1950er, die Männer ausgestattet mit Gary-Cooper-Kiefern, die Frauen eine moderne Version von Audrey Hepburn im Business-Outfit. Diesen Comic in schwarz und weiß und einem variationsreichen, flächigen Grau könnte man auch seiner Oma zumuten. Welche Superheldengeschichte kann das schon von sich behaupten?
Der Mainstream zahlt die Miete
Dabei erscheinen Watsons Graphic Novels in zwei der punkigeren Independent Verlage, die die USA zu bieten hat: Slave Labor Graphics und Oni Press. Dort ist sein Werk, „a critical success“, übersetzt: viel Ruhm, mäßige Verkäufe. Der Durchbruch kam bereits Anfang der 1990er mit dem Surfer-Comic Samurai Jam (Watsons Abschlussarbeit an der Schule in Liverpool). Seither sind es unterschiedlichste Auftragsarbeiten für den Mainstream, die Watson die Weiterarbeit an den eigenen Geschichten ermöglichen.
Im US-Comic-Markt hat er unter anderem als Zeichner von Buffy the Vampire Slayer, X-Men, Hellboy und Grendel gearbeitet und eine 12-teilige Serie zum Golden-Age-Helden Namor the Sub-Mariner verantwortet. Von Watsons Ausflüge in Superheldenkonzerne von DC bis Marvel konnte Liebe + Helden nur profitieren – der Künstler weiß, wovon er spricht, wenn er Jacks Schwierigkeiten in seinem Brotjob beschreibt, während seine Erzählung sich heldentechnisch gesehen auf höchstem Postmodernen-Niveau bewegt: Ausrangierte Helden, vergessene Schurken und die komplexe Materie der „Multiversen“ sind maßgebliche Elemente der Geschichte, die Jack am Ende mit seiner Liebsten vereinen wird. Der Schluss zeigt die beiden in ländlicher Idylle. Der Vorteil der neuen Umgebung? „Keine fliegenden Menschen.“
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