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Donnerstag, 09. Februar 2012 | 00:24

Guibert / Lefèvre / Lemercier: Der Fotograf. Band 3: Allein nach Pakistan

11.02.2010

Abenteuerliches Reportagekunstwerk

Ein Comic, der zugleich ein spannendes Abenteuer-Epos, eine fundierte Dokumentation humanitärer Hilfsarbeit und ein grafisch innovatives Kunstwerk sein will, muss eigentlich an seinen eigenen Ansprüchen scheitern. Oder er gelingt und wird grandios – wie Der Fotograf von Guibert, Lefèvre und Lemercier. Von ALEXANDER FRANK

 

Didier Lefèvre begleitete 1986 als Fotograf eine Mission von „Ärzte ohne Grenzen“ ins Kriegsgebiet von Afghanistan. Von den 4000 Aufnahmen, die er dort machte, wurden nur sechs in einer Reportage der französischen Tageszeitung Libération veröffentlicht, die anderen Negative und Kontaktabzüge verschwanden in Kartons.

 

13 Jahre später schlug ihm der befreundete Comiczeichner Emmanuel Guibert vor, aus dem Material einen Comic zu machen. Daraus entstand ein dreibändiges Meisterwerk, in dem Lefèvre die Geschichte seiner Reise erzählt und zwar in einer Weise, die auch visuell fasziniert: In die von Guibert gezeichnete und von Fréderic Lemercier kolorierte Comicerzählung sind seine Fotos einmontiert, oft ganze Streifen und Bögen von Kontaktabzügen, aber auch große ganz- oder doppelseitige Abbildungen.

 

Eine Abenteuergeschichte?

Es wäre sicher unangemessen, in dem Comic einfach eine Abenteuergeschichte zu sehen. Aber die Handlung bietet einiges an Abenteuer und Exotik, so dass man sich in ihrem Sog schnell durch die drei Bände ziehen lassen kann. Der Auftrag für die internationale Gruppe aus Ärzten und Krankenschwestern, der sich Lefèvre anschließt, ist ein einmonatiger Einsatz in einer provisorischen Krankenstation bei einem afghanischen Dorf. Die Teilnehmer treffen sich in Pakistan, um von dort zu Fuß in einer Karawane gemeinsam mit Waffenschmugglern über die Grenze nach Afghanistan und dort über die Berge zu ihrem Einsatzort zu gehen.

 

Der erste Band berichtet von den Vorbereitungen in Pakistan und dem Fußmarsch, beides dauert jeweils einen Monat. Im Mittelpunkt des zweiten Bandes steht die Arbeit des Teams auf der Krankenstation. Der dritte Band handelt vom Rückweg, den der Fotograf alleine mit einer kleinen und, wie sich herausstellt, wenig hilfreichen Eskorte, antritt. Nach drei Monaten Strapazen und Entbehrung ist er nicht bereit, den Umweg von einer Woche, den seine Gruppe auf dem Weg zurück nach Pakistan machen will, mitzugehen, er will einfach nur nach Hause. Er wird schließlich Pakistan nach einer wahren Odyssee, die ihn fast das Leben kostet, gleichzeitig mit den anderen erreichen.

 

Eine Reportage!

Auch wenn es am Ende für den Fotografen Lefèvre eine existentielle Extremerfahrung gewesen sein wird, die ihn körperlich und psychisch gezeichnet hat, war das Ziel der Reise ja eine Dokumentation der Arbeit von „Ärzte ohne Grenzen“ im Afghanistankrieg (damals zwischen russischem Militär und aufständischen Mudschaheddin). Der Comic leistet dies auf beeindruckende Weise. Man kann als Leser eigentlich gar nicht anders, als für die Ärzte und Schwestern größten Respekt und Bewunderung zu empfinden. Dabei wird ihre Hilfsbereitschaft nicht glorifiziert, auch die genauen Motive für ihren Einsatz und ihre persönliche Geschichte bleiben weitgehend im Hintergrund.

 

Sie erscheinen vielmehr als kompetente und nüchterne Arbeiter, die das tun, was Vernunft und Menschlichkeit gebieten – ohne Pathos, aber auch ohne jeden Zynismus. Es ist ein Glück für den Leser, dass sich auch Lefèvre diese Haltung für seine Reportage zu eigen gemacht hat. Zudem ist er, wie man es von einem Fotografen erwartet, ein guter Beobachter und so bieten die Bände eine Fülle interessanter und oft überraschender Schnappschüsse, Anekdoten und Begegnungen, die natürlich kein umfassendes Bild ergeben, aber doch viele Einblicke in die Kultur der Region ermöglichen.

 

Ein Kunstwerk!

Der dokumentarische Comic hat sich mittlerweile zu einem vielseitigen Genre entwickelt, mit immer wieder sehr guten und erstaunlichen neuen Veröffentlichungen. Dass Der Fotograf in diesem Bereich dennoch völlig einzigartig ist, liegt an der speziellen Koinzidenz von Inhalt und Form. Denn die Fotos, die zwischen die gezeichneten Comicbilder eingefügt sind, sind nicht einfach nur eine andere visuelle Ausdrucksform, sie sind auch Teil der Handlung, da sie ja die Bilder des Fotografen, also der Hauptfigur und des Erzählers, sind. Es ist dabei gar nicht unbedingt so, dass die Fotos die Authentizität des Erzählten beglaubigen würden. Vielmehr ist es erst der narrative Kontext, der die Fotos in einer bestimmten Weise zum Sprechen bringt.

 

Darüber hinaus steckt in den Details der schwarzweißen Abzüge aber eine Überfülle, die das Auge im linearen Lesefluss gar nicht erschließen kann. Man kann und sollte daher die Bände nach der Lektüre als Lesebuch zuklappen und als Bildband wieder aufschlagen. Die Zeichnungen stehen in starkem Kontrast zu den Fotos: Sie sind farbig, aber ohne Schattierung mit meist einfarbigen Hintergründen. Die dicken, fleckigen Tuschestriche lassen die Gesichter einerseits verschwommen erscheinen, als ob sie zu grob gerastert wären, andererseits sind dadurch die Figuren präsenter und lebendiger als auf den Fotos. Die Synthese der verschiedenen sprachlichen und bildlichen Ausdrucksformen macht diese drei Bücher zu einem Kunstwerk und zu einer Schule des Sehens, die den subjektiven Blick als Ursprung scheinbar objektiver Bilder ins Bewusstsein ruft.

 

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