Tirabosco und Wazem: Das Ende der Welt
24.06.2010
Beschauliche Apokalypse
Wer Probleme mit sprechenden Katzen und mysteriösen alten Frauen hat, sollte auch lieber die Finger von diesem Comic lassen. Alle anderen brauchen keine Angst haben, meint zumindest ALEXANDER FRANK.
Das Ende der Welt beginnt mit sintflutartigen Regenfällen. Manche Menschen erscheinen bereits nicht mehr zur Arbeit, weil sie die letzten Tage noch sinnvoll nutzen wollen. Die namenlose Heldin der Geschichte, eine junge, hübsche Frau mit melancholischen, großen Augen liegt aber wie gewohnt auf ihrem Teppich und starrt an die Decke. Nur der Herzinfarkt ihres Vaters bringt sie dazu, das Haus zu verlassen, um ihn im Krankenhaus zu besuchen. Ihre Lethargie kann sie allerdings erst abschütteln, als ihr einfällt, dass die Katze des Vaters gefüttert werden muss. Der Trip auf dem Fahrrad durch den Regen zu ihrem Elternhaus wird zu einer Reise in ihre eigene Vergangenheit.
Die andere Wirklichkeit
Das Tröstliche am Weltuntergang ist ja, dass man immerhin nach dem eigenen, individuellen Ende nicht von der restlichen Welt überlebt wird. Für die Hauptfigur scheint aber weder der persönliche noch der kollektive Exitus bedrohlich zu sein. Tatsächlich wird das apokalyptische Mistwetter dann auch nur eine globale, aber vorübergehende depressive Verstimmtheit gewesen sein, das Finale bleibt vorläufig aus ...
Das Ende der Welt hat aber auch noch eine andere Bedeutung, nämlich nicht im zeitlichen, sondern im räumlichen Sinn. In dem verlassenen Elternhaus, in dem die Heldin die Katze versorgt, taucht plötzlich die besagte mysteriöse alte Frau auf, die mit Katzen sprechen kann, und führt sie in ein Zimmer, das sie noch nie betreten hat, weil es immer verschlossen war. In diesem Zimmer befindet sich eine Pforte, die in eine andere Welt führt. So ähnlich wie Alice in den Kaninchenbau stürzt, fällt die Hauptfigur in eine andere Wirklichkeit, die sehr fremd, aber dann sehr vertraut ist.
Das innere Afrika
Sie betritt, könnte man sagen, einen noch unentdeckten Kontinent ihrer eigenen Vergangenheit - „dieses wahre innere Afrika“ ist eine Metapher Jean Pauls für die normalerweise unzugänglichen Gebiete der eigenen Psyche. Wenn sie dort allerdings ihren Vater trifft, der ihr endlich enthüllt, warum sie ohne Mutter aufwachsen musste, dann kann das nicht die Rückeroberung von Verdrängtem sein – höchstens die Gnade eines freundlichen Regisseurs ex Machina.
In der dunklen Kammer hinter der verschlossenen Tür verbirgt sich also kein Horrorszenario, sondern ein barmherziger Heilquell. Wenn dann schließlich, nach der Rückkehr in die gewöhnliche Welt, der Vater wieder aus dem Koma erwacht und ein Sonnenstrahl durch die Wolken bricht, dann ist das alles schon fast zu schön, um wahr zu sein.
Ein Gleiches lässt sich auch von der zeichnerischen Gestaltung sagen. Die Zeichnungen von Tom Tirabosco mit weißer und blauer Kreide auf schwarzem Papier sind sehr poetisch, mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten und doch weich. So trägt seine Heldin ihres Gedankens Blässe als weiße Maske im Gesicht, die Augen aber bleiben leer, große runde schwarze Scheiben - gleichzeitig pure Präsenz und pure Abwesenheit. Zu schön, um wahr zu sein, wie gesagt, aber wahr sind wir dann halt wieder ab morgen.
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