Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen
25.02.2010
Ohne Traumbilder geht es nicht
Werner Herzog hat einen fremden Stoff mit seiner ureigensten Handschrift uminterpretiert. Spätestens im Schlussbild findet alles zusammen: die innere und die äußere Welt, Herzog und Hollywood. Von WERNER BUSCH
Der 3. Februar 2006, am Straßenrand des Mulholland Drive in Hollywood. Ein BBC-Interview mit Werner Herzog, unweit seiner Haustür. Er sagt: »In Germany I somehow left a paved road. Nobody cares about my films.« Gerade will er noch ein Beispiel anfügen, als er von der Kugel eines Luftgewehrschützen in den Bauch getroffen wird. »It’s not an everyday thing, but it doesn’t surprise me to get shot at«, wird er im kurz darauf fortgesetzten Gespräch anmerken.
Es ist genau diese Art von Anekdoten, die die Essenz des Kults um Regisseur Werner Herzog ausmachen. Dutzende ähnlich obskure Beispiele ließen sich anfügen. Und sie sind wichtig für sein Filmschaffen. Fitzcarraldo wäre nicht halb der Film, der er ist, wenn die Umstände seiner Realisierung nicht so frappierend mit der Filmrealität übereinstimmen würden. Realität und Fiktion vermischen sich um die Person Herzog herum ebenso wie in seinen Filmen. Mit The White Diamond, Grizzly Man und Encounters at the End of the World schuf er in den letzten Jahren äußerst bemerkenswerte Dokumentarfilme und feierte mit den beiden letztgenannten in den USA zwei seiner größten Erfolge überhaupt. Werner Herzog befindet sich seit guten fünf Jahren in der aufregendsten Phase seiner an Aufregungen nicht armen Karriere. Diese Phase drohte vollends unter Ausschluss des deutschen Kinopublikums stattzufinden.
Gelungene Wiederauferstehung
Dies ändert sich nun mit deutlicher Verspätung. Mit Bad Lieutenant findet nach langen Jahren wieder ein Film seinen Weg in deutsche Lichtspieltheater, unmittelbar nach Herzogs Jurypräsidentschaft bei der 60. Berlinale. Die Zeichen für eine gelungene Wiederauferstehung standen bei diesem Spielfilm trotz einer Legion klangvoller Schauspielernamen nicht sonderlich gut. Denn erst zum zweiten Mal überhaupt findet sich Herzog nicht als Drehbuchautor im Abspann seines eigenen Films. Als er bei Schrei aus Stein erstmals das Drehbuch aus der Hand gab, war das Ergebnis eine mittlere Peinlichkeit.
Da nimmt es sich schon wie ein kleines Wunder aus, dass Bad Lieutenant zu einem überaus gelungenen und stimmigen Film wurde. Der in beinahe jeder Einstellung präsente Nicolas Cage liefert darin vielleicht seine beste darstellerische Leistung überhaupt ab. In den denkwürdigsten Momenten versteigt sich seine Performance dabei in wunderbarstes Overacting, das perfekt zum ironischen Ton des Films passt. „Turn the pig loose!“, war eine häufig geäußerte Regieanweisung. Bad Lieutenant ist ohne Zweifel Herzogs humorigster Film bislang und bietet viele Momente großartiger Situationskomik. Dabei steht doch eine ernste Thematik im Vordergrund: Der Fünffachmord an einer Familie, Frauen und Kinder, die durch Kopfschüsse hingerichtet wurden. Das Drehbuch von Fernsehroutinier William Finkelstein ist an bräsiger Polizeiarbeit interessiert. Herzog nicht. Er legt Schwächen des Drehbuches durch seine Inszenierung augenzwinkernd offen, er ironisiert die Kriminalgeschichte, indem er mit der Filmrealität bricht, und entfernt sich schließlich in der zweiten Filmhälfte zusehends in eine eigene Welt, die mit NYPD Blue wenig zu tun hat.
Endlose Ruhe und Dummheit
Es sind eine Handvoll Szenen, die den Film völlig umkrempeln und ihn endgültig zu einem originären Herzog-Film machen. Allesamt wurden sie meist sehr spontan von ihm eingefügt und verändern den Film vollständig. Schon immer faszinierten Herzog Tiere, die wie außerirdische Lebensformen wirken, die nicht in diese Welt zu gehören scheinen. In seinen Aufzeichnungen zu den Dreharbeiten von Fitzcarraldo erwähnt er dutzendfach, dass er Käfer und Eidechsen anstarrte, die seinen Blick mit endloser Ruhe und Dummheit erwiderten. An dieser Erfahrung lässt Herzog uns in Bad Lieutenant teilhaben, indem er mit einer winzigen Stabkamera Iguanas und Alligatoren aus wenigen Zentimetern Entfernung filmt und so bildfüllend auf die Leinwand bringt. Sehr vereinzelt nur, aber dadurch umso effektiver. Diese Bilder eröffnen eine zweite Filmebene: Es sind die inneren Landschaften des Protagonisten, die die Szenerie unwillkürlich bevölkern. Sie zeigen eine tief empfundene Liebe zu dieser amoralischen Figur, die das Publikum unzweifelhaft teilen wird. Realität und Fiktion, innere und äußere Welt treffen wieder aufeinander. Der Regisseur hat sich nicht nur einen fremden Stoff angeeignet und mit seiner ureigensten Handschrift uminterpretiert, sondern liefert dadurch auch einen intimen, neuen Kommentar zu seiner Stellung in der Welt ab. Einer Welt, die ohne Traumbilder nicht lebenswert ist. Spätestens in dem wunderbaren Schlussbild findet sich alles zusammen. Die innere und die äußere Welt. Herzog und Hollywood.
Titelangaben:Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen
The Bad Lieutenant - Port of Call: New Orleans. USA 2009.
R: Werner Herzog. B: William M. Finkelstein. K: Peter Zeitlinger. S: Joe Bini. M: Mark Isham. P: Edward R. Pressman Film, Millennium Films, Nu Image, Polsky, Saturn. D: Nicolas Cage, Val Kilmer, Eva Mendes, Fairuza Balk, Jennifer Coolidge, Brad Dourif, Michael Shannon, Xzibit u.a.
122 Min. Splendid ab 25.2.10 Reinschauen:| Zum Schnitt MagazinMitreden:| artikel weiterempfehlen| mail an den rezensenten / die redaktion
Weitere Beiträge:| Ecce Homo. Un Portrait de Célestin Deliège. Un film de Guy-Marc Hinant & Dominique Lohlé. | Abel Gance: Napoleon/Austerlitz. Glanz einer Kaiserkrone| Polizeiruf 110: Bullenklatschen (MDR), 20. Mai| FUCK YOU. Fucking Noise in China now! A film by Guy-Marc Hinant & Dominique Lohlé| Polzeiruf 110 (BR) - Schuld (29. April)| Peter Weiß: Filme| Polizeiruf 110 (RBB) - Die Gurkenkönigin (15.04.2012)| Die singende Stadt. Calixto Bieitos Parsifal entsteht| Shadows in Paradise. Hitler´s Exiles in Hollywood| Leos Janácek: Vec Makropulos
|
Unser Lieblingssufi live!!
06.06. Aachen, Musikbunker 07.06. Hannover, Musiktheater Bad 19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich 20.06. Berlin, Gretchen 21.06. Leipzig, UT Connewitz 22.06. ...
»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«
Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...
Feier der Tonalität
Bei den großen Musikfestivals, in Salzburg, Luzern oder Verbier, kommt Jazz, wenn überhaupt, allenfalls als Kuriosität am Rande vor, am ehesten noch in der Gestalt des »Third ...
Elektronische Findlinge
Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...
Augenblicke des »alten Europa«
Tony Judts literarischer Gang durch sein Chalet der Erinnerungen.
Von WOLFRAM SCHÜTTE
Gegen die Dominanz des Beliebten
Nach Amazon (1997) und Google (2004) geht nun mit Facebook das dritte Internet-Schwergewicht an die Börse. Häufig liegen die drei Unternehmen mit der Entwicklung neuer Techniken ...
Galgenmännchen auf Finnisch
Freiheitsdrang und Träume können riskant sein. Wie riskant, muss der 12jährige Taifun erfahren, der zu seinem eigenen Besten in eine besondere Schule geschickt wird, dem Haus der ...
Kind sein, der moderne Vollzeitjob
Nur das Beste für das Kind, wer wünscht sich das nicht? Vorhalten soll das Beste auch, vorzugsweise ein Leben lang. Dafür müssen Grundlagen gelegt, das Kind rundum ...
Das Leben ist nicht Wünschdirwas
Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL
Das Leben ist nicht Wünschdirwas
Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL
Garten Eden vor der Haustüre
Sie heißen Tigerella, Gelber Squash oder Rote von Paris. Sie gehören alten Sorten an, die oftmals in Vergessenheit geraten sind – doch ihre Farben-, Formen- und Geschmacksvielfalt ...
|