Enki Bilal: Animal´z
25.03.2010
Trübe Aussichten
Hier ist sie also – Animal´z, Enki Bilals Vision einer düsteren Zukunft, in der die Welt in einen grauen Nebelschleier gehüllt ist. CHRISTIAN NEUBERT hat sich dort umgesehen.
Gestern hatten wir mit Al Gore ein lebendiges Mahnmal. Heute haben wir die Wirtschaftskrise, weswegen der sich anbahnende Klimawandel scheinbar als nicht mehr allzu aktuell erachtet wird. Und morgen? Da haben wir den - Salat. In Bilals neuem Einbänder Animal´z vollzieht sich der Klimakollaps, der die Welt aus den Fugen reißt, in nur wenigen Wochen. Die allumfassende Katastrophe, die die Erde zu einem unwirtlichen Ort macht, wird von den Überlebenden als „Blutsturz“ bezeichnet. Aber Hoffnung gibt es noch – einige Plätze soll es geben, mit Trinkwasser, wo es sich gut leben, vielleicht überleben lässt.
Endzeit again
Eines dieser Eldorados soll über den Sund S17 zu erreichen sein. Während zum Beispiel die Schildkröten, um den überfluteten Landmassen zu entkommen, Flügel entwickelten, konnten die Menschen, die man als Leser beim Verfolgen dieser Route begleitet, Meerestiere zu halbandroiden Bediensteten modifizieren. Und ein Stück weit auch sich selbst. Dem, der wissen möchte, was es damit auf sich hat, seien hier die Worte des Mannes genannt, der sich im Verlauf der Geschichte als Frank Bacon ausgibt und der seinen Kaffee mit Meerwasser verdünnt: „Nicht nach Erklärungen suchen“.
Die Welt ist also am Abgrund. Aber das ist ja kein Weltuntergang. Also kein Grund zur Schwarzmalerei – Bilal färbt die Endzeitstimmung komplett in Grau ein. Jedes einzelne Panel ist in einem bläulich-grünlichen Grau gehalten, in das sich hier und da ein wenig Rot geschlichen hat. Zum Beispiel in die durch die salzige Luft gereizten Augen der Protagonisten. In die Panzer der Krustentiere. Und in die blutigen Wunden, die natürlich zum Repertoire eines anständigen Endzeitszenarios gehören. Die farbliche Reduktion der Kreidezeichnungen lässt das bisschen Leben, das in dieser düsteren, bizarren Dystopie noch verblieben ist, hervortreten und macht die beklemmende Atmosphäre deutlich spürbar.
Fischen im trüben Gewässer
Die zunächst verworrene, lange undurchsichtig bleibende Geschichte wird vorwiegend durch die Protokolle und Logbucheinträge der Charaktere, die wie aus einem Spaghettiwestern entlehnt anmuten, inszeniert. Einfach zu verfolgen ist das nicht – ein Wie und Warum bekommt der Leser nicht serviert. Animal´z bleibt im Assoziativen, im Nebligen der Bilder verhaftet, ein trübes Dickicht, durch das man sich nach und nach hindurch tasten muss. Erst zum Ende hin fügen sich die einzelnen Erzählstränge zu etwas einigermaßen Greifbarem zusammen. Die Suche der dem Leser fremd und auf Distanz bleibenden Protagonisten entpuppt sich zu einem Aufbruch in die Entmenschlichung – obwohl dieser, das wird einem schließlich klar, im Grunde längst stattgefunden hat.
In Animal´z trifft The Good, the Bad, the Ugly auf Mad Max in Waterworld. Kann das gut gehen? Vorweg sei hier gesagt: Man weiß am Ende nicht, ob es gut geht. Die Geschichte findet keine Auflösung, ein packendes Finale bleibt aus. Wer eine klar umrissene Erzählstruktur braucht, mit einem Einstieg, der das Setting beleuchtet, und einem Schluss, der das Geschilderte zum Ende führt, für den ist Animal´z nicht zu empfehlen. Wer sich jedoch auf das sperrige Werk einlassen kann, wird dagegen bestimmt von der fesselnden Atmosphäre mitgerissen werden. Denn, um nochmal auf die weiter oben gestellte Frage einzugehen: Ja, es kann gut gehen. Bilal liefert den Beweis.
Das in einem Band abgeschlossene Werk, das trotzdem keinen wirklichen Abschluss findet, gönnt dem Leser keinen finalen Paukenschlag. Dies soll aber keineswegs bedeuten, dass das Ensemble aus meisterhaften, die Stimmung hervorragend unterstützenden Bildern und Texten, die zum verstörenden Gesamteindruck des Comics ihr übriges tun, nicht gut zusammenspielen würde. Im Gegenteil: Die trostlose Zukunft, die Bilal in Animal´z zeichnet, ist grandios in ihrer zeichnerischen Virtuosität, weswegen man sich gern in ihr umsieht.
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