Batman: Mitternacht in Gotham
25.03.2010
EC/DC
Steve Niles' und Kelley Jones' Batman: Mitternacht in Gotham ist ein Trip in die Vergangenheit des Horrorcomics – in mehr als nur einem Sinne des Wortes. Von MATTHIAS ROSS
Batman ist irritiert. Nicht nur, dass ein Serienkiller in Gotham City umgeht, der seinen Opfern gerne das Herz herausreißt – nein, darüber hinaus verhalten sich auch seine vielen Feinde in letzter Zeit ungewöhnlich. Sei es Scarecrow, Axeman oder Man-Bat – alle sind sie von ihren üblichen Verhaltensmuster abgewichen und haben andere Verbrechen begangen als sonst. Bruce Wayne beschließt der Sache auf den Grund zu gehen und entdeckt, dass im Hintergrund ein anderer die Strippen zieht. Ein neuer Bösewicht hat die Bühne betreten: Midnight. Er hat sich Scarecrow und die anderen mit Drogen gefügig gemacht und kontrolliert sie nun. So sieht Batman sich plötzlich mit einer ganzen Armee gehirngewaschener Ganoven konfrontiert. Doch die Motive Midnights bleiben ebenso wie seine wahre Identität im Dunkel der Mitternacht ...
Zurück in die Zukunft
Steve Niles und Kelley Jones sind beide Horrorspezialisten. Niles' 30 Days of Night und Criminal Macabre entstammen ebenso diesem Genre wie Kelley Jones' bekannteste Werke, etwa seine Elseworlds-Reihe Batman & Dracula: Red Rain oder die Sandman-Storyline Seasons of Mist. So verwundert es nicht, dass auch ihr gemeinsames Batman: Mitternacht in Gotham diesem Genre zuzuordnen ist. Dem Leser wird dabei einiges bekannt vorkommen: Die beiden Autoren orientieren sich bei ihrer im DC-Universum angesiedelten Geschichte nämlich am Stil der EC Comics, die in den vierziger und fünfziger Jahre definierten, wie Horror im Medium Comic auszusehen hatte.
EC waren für eine Zeit, die für ihre Prüderie bekannt war, erstaunlich explizit in ihrer Gewaltdarstellung. Dabei stand EC ironischer Weise ursprünglich für „Educational Comics“, bevor sich der Verlag zutreffender in „Entertaining Comics“ umbenannte. EC-Titel wie Tales from the Crypt oder The Vault of Horror schafften es beinahe im Alleingang, dass amerikanische Sittenwächter 1954 den berüchtigten Comics Code einführten – einen Katalog von Zensurvorschriften, analog zum Hays Code in der Filmwirtschaft. EC musste seine Horrortitel einstellen. Der Comics Code hatte damit zwar vorübergehend Horrorcomics den Garaus gemacht, verhalf EC aber zu einem legendären Status, der bis heute viele Fans und Nachahmer findet – unter ihnen Steve Niles und Kelley Jones.
Festival des schlechten Geschmacks
Grimmig und düster, doch stets mit einem Augenzwinkern erzählen die Autoren vom verrückten Midnight und seinen morbiden Morden, während sich die Handlung von einem klassischen EC-Horrorsetting zum nächsten hangelt. Vom Friedhof geht es über neugotische Kirche, Glockenturm, verlassenem Haus zum ägyptischen Museum und schließlich hinein in eine brennende Windmühle. Niles und Jones greifen dabei längst historisch gewordene Techniken wieder auf: an Will Eisner erinnernde Splash Pages, die den Titel des Comics als Objekt in die Handlung integrieren, ebenso wie plakative Cover, auf denen Midnight pathetische Oberganovensprüche von sich geben darf wie „Beware, the bell tolls for thee!“ oder „Kill him, my minions – kill him!“. Elemente wie diese sorgen für ein trashiges Flair. Man merkt Mitternacht in Gotham an, dass sich Niles und Jones – zumindest in diesem Comic – weniger als seriöse Künstler, sondern eher als Fans begreifen, die mit viel Spaß am Skurrilen ein Stilzitat des Horrors an das Andere reihen – seien es Riesenroboter, Krokodile in der Kanalisation oder die obligatorische Halloween-Kürbislaterne.
Besondere Erwähnung verdient das Artwork von Kelley Jones. Sein Batman, mit seinen grotesk langen Ohren, hat etwas Dämonisches: Bucklig wie Nosferatu steht er niemals einfach aufrecht – entweder kauert der dunkle Ritter im Schatten der steilen Dächer oder aber er türmt sich überlebensgroß vor seinen Feinden auf. Dieser Gargoyle von Superheld ist gefangen in einer expressionistisch-labyrinthischen Stadtkulisse, stets „gefilmt“ aus schrägen Winkeln und unmöglichen Perspektiven. Dabei präsentiert sich Gotham City quietschbunt in einer Farbskala von giftgrün bis verwesungsviolett (Farben: Michelle Madsen). Alptraumhaft und desorientierend überladen, vermittelt diese eklektische Mischung das Gefühl eines schlechten LSD-Trips, allerdings ohne das dazugehörige Unwohlsein. Fasziniert verfällt man der Droge Gotham after Midnight: Nostalgisch, makaber und blutig macht der Comic viel Spaß, aber nur dem, der schlechten Geschmack auch mal genießen kann.
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