Greenberg
01.04.2010
Ein wahrhaftiger Verlierer
Es ist das brillanteste Filmplakat der Saison, wenn nicht des gesamten Filmjahres: Unterhalb einer gigantischen Gedankenblase richtet Ben Stiller seinen Blick nach oben, wo sich in einem großen Nichts ein einsames Fragezeichen gebildet hat. Wahrlich eine passende Metapher für den Gemütszustand, für das gesamte Dasein von Roger Greenberg, der Titelfigur des Films, wenngleich er kaum etwas geleistet hat, was einen Film über ihn rechtfertigen würde. Von CARSTEN HAPPE
Greenberg hat die 40 längst überschritten, allerdings nichts davon vorzuweisen, was landläufig als Lebensleistungen gilt: keine eigene Familie, keine Karriere, weder Ambitionen noch Perspektiven. Er hat sich bereiterklärt, nach seinem Nervenzusammenbruch für eine Weile auf das Haus seines Bruders in Los Angeles aufzupassen, während der mitsamt Familie in Vietnam weilt. Eine Aufgabe, immerhin. Sinnvoller zumindest als das Verfassen sarkastischer Beschwerdebriefe, die durchaus offenbaren, dass mehr in Greenberg steckt als ein leeres Fragezeichen. Auch Florence, die junge Haushaltshilfe der Greenbergs, mäandert ähnlich orientierungslos durch ihre Existenz – vielleicht fühlt sie sich deswegen zu Roger Greenberg hingezogen, wie ruppig dieser die glücklose Barsängerin auch behandeln mag.
Willkommene Abkehr
Eine Romanze mit angezogener Handbremse, eine klare Absage an den amerikanischen Traum und ein grandioses Verliererportrait – Greenberg erreicht so vieles, ohne es zu forcieren, wirkt so leicht und entspannt und kaschiert dabei, welch harte Arbeit es ist, so unangestrengt den richtigen Ton zu treffen. Als Komödie eher leise und unspektakulär, ist es eine sehr willkommene Abkehr vom bisherigen Rollentypus seines Hauptdarstellers Ben Stiller – ich glaube nicht, dass ich ihn schon jemals so gut gesehen habe. Noch erstaunlicher allerdings sein weibliches Pendant, mit dem Roger Greenberg die zarte, verzettelte (Anti-)Romanze beginnt: die völlig unbekannte Greta Gerwig, die so herrlich normal daherkommt, auf sehr süße Art und Weise uneitel, verschnupft und hinreißend – gäbe es die Europäische Initiative „Shooting Stars“ auch in den USA, die Suche wäre beendet. Nach 107 Minuten muss man das Leben von Roger Greenberg leider schon wieder verlassen, auch wenn man ihm noch locker zwei Stunden länger hätte zuschauen können. Mit seiner Oscar-nominierten New Yorker Dramödie Der Tintenfisch und der Wal hatte Noah Baumbach die erste Kostprobe seines Talents abgegeben, mit Greenberg liefert der mehrfache Co-Autor von Wes Anderson sein bisheriges Meisterstück ab, das kaum etwas anderes sein will außer echt und wahrhaftig.
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