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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 13:38

Arne Bellstorf: Baby´s in black

20.05.2010

,,Astrid war die Stilikone"

Die Geschichte von Astrid Kirchherr und Stuart Sutcliffe erscheint demnächst als Comic-Roman. TITEL bringt ein Interview mit einer exklusiven Vorschau aus Arne Bellstorfs Bilderwerkstatt. Von BRIGITTE HELBLING

 

„Ich fahr nach Hamburg!“ beschließt der Kunststudent und Bassspieler Stuart Sutcliffe im Film Backbeat, und das tut er dann auch, zusammen mit seinem Kumpel John Lennon und der noch wenig bekannten Combo Beatles. In der Hansestadt treffen die Liverpooler Musiker auf eine blonde Fotografin, die der Band ihren Bassisten ausspannt und die Jungs zu einer neuen Frisur inspiriert - Astrid Kirchherr.

 

Seit der legendären Begegnung zwischen Kirchherr, Sutcliffe und den Beatles sind 50 Jahre vergangen, und pünktlich zu diesem Jubiläum wird nun das Graphic Novel des 30-jährigen Comic-Künstlers Arne Bellstorf erscheinen, mit einer Geschichte, die den geschichtsträchtigen Moment mit feinem Hamburger Understatement aufnimmt. Titel: Baby’s in Black.

 

Wie bist du darauf gekommen, ein Buch über die Beatles zu machen?

 

Gar nicht. Das mit den Beatles war reiner Zufall. Ursprünglich hatte ich ein ganz anderes Buch geplant, mich interessierte eine bestimmte Zeit, die Jugend in Hamburg in den 1950ern, 1960ern, und ich hatte nach Bildmaterial dazu gesucht. Dabei stieß ich auf die Fotografien von dieser jungen Frau, Astrid Kirchherr, und von Stuart - ich wusste überhaupt nicht, wer das ist - und die haben mich sofort angesprochen: Wer sind diese beiden Menschen? Wie sehen die denn aus? So sahen also junge Menschen in den frühen 60ern aus ... Und dann hab ich nachgeschaut und kapiert, das ist Stuart Sutcliffe, der damalige Bassist der Beatles. Aber eigentlich hat mich viel mehr die Clique interessiert, in der Astrid Kirchherr sich damals bewegte, die Exis, benannt nach den Existentialisten.

 

Wie die Existentialisten in Frankreich?

 

Genau. In Frankreich ging das ja um einiges früher los, mit Sartre und Camus und so ... Und als das in Hamburg dann ankam, diese Bewegung, da war das mit der Philosophie eigentlich schon vorbei. Ich denke, es ging mehr um das Bild, die Gauloises, die Cafés, die schwarze Kleidung - es ist nicht leicht, nachzuvollziehen, wie das damals genau war, aber die Bewegung hatte mehr mit dieser Pose zu tun, es ging um Äußerlichkeiten und weniger um die Philosophie. Bei Astrid kamen noch andere Dinge dazu, die Filme von Cocteau, ein romantischer Gestus, das 19. Jahrhundert war auch wichtig für sie, die viktorianischen Möbel in dem Haus, in dem sie damals mit ihrer Mutter lebte ...

 

Klingt nicht unbedingt nach Rock’n’Roll?

 

Dass Astrid auf die Beatles aufmerksam wurde, war ja auch so ein Zufall. Die spielten im Kaiserkeller auf der Großen Freiheit, dort waren zu diesem Zeitpunkt tatsächlich nur Seemänner und Rotlichtmilieu. Die Reeperbahn war schon ziemlich touristisch, aber der Keller, wo die Beatles gespielt haben, war damals ein Loch. Da ist eigentlich keiner hingegangen. Jedenfalls keine Mittelstandskinder oder Kunststudenten, wie Astrid und ihre Freunde. Die gingen in die Jazzklubs in den Colonnaden oder in die Neustadt. Tatsächlich ging das damals gerade erst los, dass sich das vom Publikum her auf St. Pauli durchmischte, und das hatte im Grunde auch mit Astrid zu tun, und mit Klaus Voormann.

 

Der damalige Freund von Astrid.

 

Zwischen den beiden war das zu dem Zeitpunkt eigentlich schon vorbei. Jedenfalls beginnt meine Geschichte damit, dass Klaus nachts zu Astrid kommt und ihr von dieser Band erzählt, die er gerade gesehen hatte. Sie hatten sich zuvor gestritten, und er war weggegangen, erst ins Kino -

 

Was hat er da gesehen?

 

Das wusste er nicht mehr. Jedenfalls ist er da wieder raus, dann auf die Reeperbahn, hat sich eine Tüte Pommes geholt, und dann, als er am Kaiserkeller vorbeikam, hörte er diese Musik. Das hat ihn neugierig gemacht und da hat er sich runtergetraut ... Das war ja der Clou an der Geschichte, Rock'n'Roll war überhaupt nicht ihr Ding, weder von Astrid, noch von Klaus, das war eher was für Arbeiterkinder, und jetzt hörte er so was zum ersten Mal live - und das hat ihn umgehauen! Und da hat er Astrid überredet, am nächsten Abend mit ihm wieder hinzugehen.

 

Jedenfalls war das der Anfang. Für mich waren da erst die Bilder, und Astrid, diese Fotografin, die ich dann auch kennen gelernt habe, sie lebt noch immer in Hamburg, und die Exis ... Und dann kam diese Geschichte mit den Beatles dazu. So hat sich alles zusammengefügt, dass ich dachte, das muss ich machen.

 

Bellstorfs Diplomarbeit in der Fachklasse Illustration an der Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaften war der Coming-of-Age-in-der-Vorstadt-Comic Acht, Neun, Zehn, die beim Verlag Reprodukt erschien, ihm die Auszeichnung „Newcomer des Jahres 2005“ und den „Icom Independent Comic Preis“ 2006 eintrug. Mittlerweile ist er in vier weitere Sprachen übersetzt worden, unter anderem ins Koreanische. Der Band verkaufte sich im Original ein paar tausend Mal. In einem Land, in dem Buchhändler (auch Comic-Buchhändler) außerhalb der großen Städte viele Kunden noch immer darüber aufklären müssen, dass Comics auch etwas für Erwachsene sein können, ist das nicht nichts.

 

Deutschland ist ein Land der prägenden „Handschriften“ von Comic-Künstlern, die international renommiert sind und sich in der Heimat nur knapp über Wasser halten können - die arrivierteren wie Feuchtenberger, ATAK oder Dorgathen auch, indem sie die nachkommenden Garden der Flix, Meiers, Mawils oder Hovens unterrichten. Was der Comic als Massenmarkt sein könnte, vermittelt hierzulande lediglich die Übersetzungsflut, die dem kommerziell ambitionierten Comic-Künstler nahelegt, als Amerikaner (oder Japaner) wiedergeboren zu werden. Die andern machen, was sie wollen. Und ab und an gelingt der Szene auch ein Coup: Reinhard Kleists Cash-Comic zum Beispiel fand viel (verdienten) Absatz. Auch Bellstorfs Baby’s in Black legt mit einer Band eine Pheromonspur in die Bilderwelt, die dann aber am Rande von den Beatles handelt. Das ist Bellstorfs Freiheit: Stuart Sutcliffe nicht als „fünften Beatle“ darzustellen, sondern als Kunststudent, der zwischendurch mal zum Bass griff, in einer Band, die dann von seiner Hamburger Freundin ästhetisch maßgeblich geprägt wurde. Style rules, style wins. Und der Soundtrack zum Ganzen heißt: Love me tender von Elvis.

 

Bellstorf arbeitet, Recherchen inklusive, seit 2007 an seinem Kirchherr/Stucliffe-Projekt. Gegenwärtig schafft er neben Strips für den Tagesspiegel und Illustrationsaufträgen, die die Miete einbringen, maximal zwei Seiten pro Tag. Oft sind es weniger. Baby’s in Black ist auf etwas über 200 Seiten angelegt, jedes Bild hand made, erst mit Bleistift vorgezeichnet und dann mit Tuschestift und einem schwarzen Faber Castell Aquarellstift ausgeführt. Den Aquarellstift nutzt Bellstorf für die Schatteneffekte, weil er sich mit dem Pinsel vermalen lässt, aber auch für ein sattes Schwarz, das von der Tusche kaum zu unterschieden ist.

 

Der Hauptgrund für diese Technik ist eigentlich, dass ich so nichts mehr am Rechner machen muss, ich muss die Bilder nur noch einscannen, ein bisschen nachbearbeiten, das war’s. Ich muss nichts am Rechner kolorieren oder mit Graustufen nachbearbeiten, wie beim letzten Buch. Ich kann gleich auf dem Papier alle Lichtsituationen und Schatten und Flächen bestimmen ... und es passt auch zu Astrids Welt, diese ganzen starken Kontraste, teilweise flächiges Schwarz, teilweise expressiv und doch die eine strenge Form.

 

Du hast Astrid Kirchherr kennengelernt. Wie bist du an sie herangetreten?

 

Es gibt in Hamburg diesen Laden, Center of Beat von Ulf Krüger. Der hat den Kontakt vermittelt. Wenn es um Anfragen zu ihrer Geschichte mit den Beatles geht, ist Astrid angeblich sehr zurückhaltend, aber in diesem Fall hat sie glücklicherweise eine Ausnahme gemacht. Ich glaube, das hat sie interessiert, das andere Medium, die Comics, und dass jemand in meinem Alter sich für ihre Geschichte interessiert (und nicht nur für die Beatles). Ich fand sie sehr beeindruckend. Das ist sie noch immer. Sie ist jetzt über siebzig, und sie trägt noch immer ausschließlich Schwarz. Und das ist - bei ihr ist da dieser totale ästhetische Anspruch als Lebensentwurf, der die Beatles geprägt hat, erst Stuart natürlich, aber dann auch der Rest der Gruppe ...

 

 

Die Pilzkopf-Frisur!

 

Die kommt bei mir auch vor, aber sehr dezent. Da spiele ich eher mit dem Wissen des Lesers, weil, zu dem Zeitpunkt war das eben nicht die Beatlesfrisur, es war nicht der Pilzkopf, es war die Exi-Frisur. Astrid hatte Stuart die Haare geschnitten, als er noch bei der Band war, und erst lachten die andern darüber, im Sinne von, jetzt siehst du wirklich aus wie aus Astrids Welt, aber als die Beatles dann wieder in Hamburg ankommen, zwei Jahre später, haben sie sich die Haare auch alle so machen lassen wie Astrids Exi-Freunde, und da sieht man dann, aha, jetzt sind sie so, wie man sie kennt ... Astrid war die Stilikone. Ganz klar. Es gibt auch Zitate von John Lennon, oder von seiner Freundin Cynthia Lennon, die eifersüchtig war, weil John in den Briefen immer nur schrieb, Astrid sagt dies, Astrid sagt das ... Es waren alle ziemlich beeindruckt von ihr.

 

Und bei Stuart ging das ja auch weiter.

 

Bei den Beatles dauert es ein bisschen, bis sich Astrids Einfluss bemerkbar macht, oder das geht subtiler vonstatten, aber Stuart sieht in ihr sofort die Frau, und in ihrer Clique die Leute, nach denen er scheinbar immer gesucht hat, er fügt sich da nahtlos ein ... Im Endeffekt ist Astrids Einfluss die Ästhetik, das gilt auch für die Anzüge, die die Beatles später tragen, angeblich beruhten die auf Schnitten von Astrid. Sie konnte ja alles schneidern durch ihr Studium an der Fachhochschule an der Armgartstraße -

 

An der du auch studiert hast!

 

Klar, die Armgartstraße war für mich auch so ein Punkt, der mich stutzig gemacht hat, als ich erst die Fotos sah, und dann feststellte, aha, das Mädchen war auch an der Fachhochschule - Hochschule für angewandte Wissenschaften, wie sie sich heute nennt - im Department Design, ist ja interessant, wie sah es wohl damals dort aus? Im Endeffekt hat sich von 1960 bis zu meiner Studienzeit aber nicht viel geändert. Auch die enge Verbindung zur Hochschule für bildende Künste ist dieselbe geblieben, die liegt nur einen Steinwurf von der Armgartstraße entfernt und es gibt viel Austausch, was das Publikum betrifft. Freunde von Astrid, die an der HfbK studierten, sorgten damals dafür, dass Stuart dort hinkam ...

 

Unaufgeregt, so könnte man Bellstorfs Hamburger Bilderwelten nennen, und das passt dann zu einer Stadt, die im Grunde ihres Wesens unaufgeregt ist, egal, ob gerade Künstler das Gängeviertel besetzen, der Wirtschaftssenator die marode HSV-Nordbank schönredet, das Bürgertum in „Gucci-Protesten“ gegen eine Schulreform anstürmt oder sämtliche Politiker in das neuerdings gewaltige Haushaltsloch starren.

 

Diese Stadt, denkt man manchmal, saß schon immer an der Elbe und feierte sich selbst, wie schön sie ist! Besonders wenn die Sonne auf die Speicherstadt und die Hafenanlagen scheint.

 

Es geht in deinem Buch auch um Hamburg. Oder seh ich das falsch?

 

Hamburg steht natürlich im Vordergrund, und das hat seinen Reiz, gerade auch die Herausforderung, die das mit sich bringt, die Frage, wie viel nehme ich rein von der Stadt, wie viel verkürze ich, weil das Buch ja nicht nur Leute ansprechen soll, die Hamburg kennen ... Und dann kam für mich schon auch die Frage: Was mach ich hier eigentlich? Wird das jetzt so ein Hamburgbuch? Bin ich so ein Lokalidiot? Ich meine Lokalpatriot. Werde ich mich irgendwann auf den Beatles-Platz stellen, den es noch nicht gab, als ich mit dem Buch anfing, und mein Werk in die Silhouetten da halten? Erst mal fehlen aber noch knapp zwei Kapitel. Ungefähr 60 Seiten muss ich noch machen, hauptsächlich über Stuart und Astrid ohne die Beatles, kurz bevor die Band wieder nach Hamburg kommt, um im Star Club zu spielen.

 

Baby’s in black, der Titel des Comics, ist auch der Titel eines Songs, den Lennon und McCartney gemeinsam im Sommer 1964 schrieben. Die Lyrics - „she thinks of him, and so she dresses in black, and though he’ll never come back, she’s dressed in black“ - gaben immer wieder Anlass zur Vermutung, der Song handle von Kirchherrs (und Lennons) Trauer um Sutcliffe, der kurz vor dem neuerlichen Auftritt der Beatles an einer Hirnblutung starb. Es gibt keine Belege dafür. Der fröhliche Quasi-Walzer-Takt spricht dagegen, und auch mindestens ein Drittel des Textes.

 

Gerade deswegen, kommt einem vor, ist Baby’s in Black ein guter Titel für einen Comic, der sich vorgenommen hat, einer bestimmten Jugendszene in Hamburg nachzugehen - den Exis mit, so Bellstorf, ihrem Weltschmerz, ihrem Posertum, ihrer Melancholie, was ja alles eigentlich immer Teil jeder Jugendkultur ist.

 

„Unsere Lieblingsfarbe war damals Schwarz“, erklärt Paul McCartney zur Entstehung des Songs lapidar. Das Hinterland zu dieser Vorliebe eröffnet Bellstorfs Comic-Roman, ein Roman über Liebe, Musik, und Stil als Ausdruck eines Lebensentwurfs.

 

Und wie endet die Geschichte bei dir?

 

Ziemlich abrupt eigentlich ...

 

Zum Buch bei TUBUK

 

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